Auftragsforschung in der Kritik

Bei Heise ging es kürzlich um von den technischen Universitäten geäußerte Kritik an Auftragsforschung:

Die Technischen Universitäten warnen die Wirtschaft vor einer immer stärkeren Verquickung von Forschungsgeldern und inhaltlichen Vorgaben bei Hightech-Themen. “Unser Eindruck ist, dass sich die Grenzen verschoben haben”, sagte der Präsident der TU Darmstadt, Prof. Dr. Hans Jürgen Prömel, der Deutschen Presse-Agentur. Zunehmend komme es vor, dass die Industrie selbst etwa Promotionsstellen “ausschreibe” und so versuche, die Ausrichtung wichtiger Projekte direkt zu beeinflussen.

Das ginge sogar so weit, dass erwartet würde, Forschungsergebnisse nicht zu publizieren, sondern vertraulich zu behandeln.

Das dies eine Folge der stets geforderten hohen Drittmittelquote und Industrienähe ist, ist wohl kein origineller Gedanke. Eine lesenswerte Schrift zur Messung von Forschungsleistung über die eingeworbenen Drittmittel hat Jürgen Gerhard 1) Gerhards, Jürgen (2013): Der deutsche Sonderweg in der Messung von Forschungsleistungen. Berlin: Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (Wissenschaftspolitik im Dialog, 7). Online verfügbar unter http://nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn:nbn:de:kobv:b4-opus-23876, zuletzt geprüft am 09.07.2017.  schon 2013 erfasst. Teile seiner Kritik – auch am “Förder-Rankings” der DFG – wurden wahr- und angenommen.

Die Summe der eingeworbenen Drittmittel bildet in der Bundesrepublik die zentrale Messgröße zur Bestimmung der Qualität von Forschung. Die Zentralakteure des deutschen Wissenschaftssystems, vor allem die Deutsche Forschungsgemeinschaft, aber auch der Wissenschaftsrat, haben einen entscheidenden Anteil daran, dass Drittmittel als Forschungsleistungsindikatoren so hoch gehalten, wenn nicht fetischisiert werden. So ist das Forschungsranking der DFG, das in regelmäßigen Abständen publiziert wird und das enorm wirkungsmächtig ist, fast ausschließlich drittmittelbasiert.

Das Förder-Ranking heißt inzwischen Förderatlas. Doch auch dort heißt in der aktuell gültigen Ausgabe von 2015 noch:

Für die Gewinnung der Kennzahlen werden auch im diesjährigen Förderatlas insbesondere Daten von öffentlichen Drittmittelgebern herangezogen und ausgewertet. Dies ist deren besonderer Aussagekraft geschuldet: Drittmittel werden im Wettbewerb eingeworben, die Mittelvergabe stützt sich auf das Urteil von Peers, die als Expertinnen und Experten des jeweiligen Forschungsfelds anerkannt sind. Wenn eine Einrichtung auf einem bestimmten Gebiet in größerem Umfang Drittmittel einwirbt oder aus entsprechenden Programmen finanzierte Gastwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler für sich gewinnen kann, dann ist damit auch ein Qualitätsurteil dieser Peers verbunden.

Auch wenn es hier nur um Drittmittel von öffentlichen Geldgebern geht, ist die Relevanz der eingeworbenen Gelder auch aus dem Industriesektor wohl unumstritten. So ist Forschungsförderung für die in Deutschland auf Bundesebene seit 2005 regierende CDU in erster Linie zur Förderung der Industrie gedacht, wie schon in der Pressemitteilung zum Leitbild für eine zukunftsfähige Hochschul- und Forschungslandschaft in Deutschland klar wird.

 

References   [ + ]

1. Gerhards, Jürgen (2013): Der deutsche Sonderweg in der Messung von Forschungsleistungen. Berlin: Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (Wissenschaftspolitik im Dialog, 7). Online verfügbar unter http://nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn:nbn:de:kobv:b4-opus-23876, zuletzt geprüft am 09.07.2017.

2. VIVO-Workshop am 28. September in Hannover

Willkommen zum VIVO-Workshop 2017, dem zweiten deutschsprachigen Workshop zum freien und community-basierten Forschungsinformationssystem VIVO. Wir möchten Sie herzlich einladen zu einem Austausch unter VIVO-Interessierten.

Unter dem Motto „Forschungsinformationen in der Praxis“ diskutieren wir gemeinsam den Einsatz von VIVO im deutschsprachigen Raum. Im Fokus stehen dabei Projekt- und Werkstattberichte. Aber es besteht auch Raum für Berichte über Eigenentwicklungen und generell rund um VIVO als Software, Ontologie oder offene Fragen und Herausforderungen zur Implementierung an einer Institution.

Weitere Informationen finden sich auf der Workshop-Webseite, auf der man sich auch registrieren kann. Angesichts begrenzter Teilnehmerzahl empfiehlt sich eine frühzeitige Anmeldung.

#bib10, das 10. Bibcamp in Hannover- ein kurzer Rückblick

Die von mir besuchten Sessions beim diesjährigen Bibcamp waren sehr abwechslungsreich und zum Teil angenehm kontrovers. Zwei Sessions wurden live in Etherpads dokumentiert (Koha und Big Data und Medienpädagogik). Zu weiteren Sessions soll es noch Dokumentation im Uralt-PBWiki der Bibcamps geben.

Twitter-Netzwerk zu #bib10 nach Retweets

Ein Tweetarchiv zu #bib10 ist hier zu finden, die Vernetzung der Twitternden ist hier visualisiert.

Positiv ist zu vermerken, dass der Kundenbegriff auf dem absteigenden Ast zu sein scheint. Er wurde aktiv und kritisch diskutiert, und auch unter den Verwendern dieses Begriffs fand sich niemand, der ernsthaft Partei dafür ergriff. Es handelt sich vielmehr um eine Verwendung aus Gewohnheit. Schauplatz dieser Diskussion war eine Session zu “Demokratie und Bibliotheken”, die weitaus praxisrelevanter war, als manch einer beim Leses des Titels zu vermeinen mag. Auch die Session über “Visionäre Führung” hatte nichts mit halluzinierten Wahnideen aus der Leitungsebene zu tun, sondern vielmehr mit der Wichtigkeit einer gemeinsame Werte- und Zielbasis im Team oder in der Organisation für die Erreichung der Organisationsziele.

Ein großes Kompliment an die Ausrichter! Detailkritik bezüglich der Sessionplanung sollte man für zukünftige Bibcamps beachten, sie ist aber nicht ausschlaggebend für die Bewertung der Veranstaltung. Das Bibcamp hatte fast nur aktive Teilnehmer, und dadurch ist es ein erfolgreiches Bibcamp gewesen.

Firefox 54 mit wirklich großen Änderungen

Firefox 54 ist frisch veröffentlicht und bringt zumindest eine wichtige Neuerung mit sich. Heise beschreibt es folgendermaßen:

Mit der neuen Version 54 kann Firefox nun mehrere Betriebsprozesse gleichzeitig ausführen; vorige Versionen haben lediglich einen Prozess für alle Tabs ausgeführt. Stürzte eine Seite mal ab, riss sie den ganzen Browser mit. Konkurrenten wie Chrome lagern jedes Tab in einem eigenen Prozess aus, sodass in der Regel auch nur ein einzelnes Tab abstürzt

Die Tab-Messies unter uns werden dies zu schätzen wissen. Und wer den Rich-Text-Editor benutzt, wird sich auch über eine nutzerfreundliche Link-Eingabe freuen.

Regierungsprogrammentwurf der SPD zu Open Access

Bildung und Wissenschaft sollen die Chancen der Digitalisierung stärker nutzen können. Wir wollen die offenen Kanäle für wissenschaftliche Kommunikation und Publikation fördern (Open Access). Für die Verwertung und Nutzung von Daten wollen wir Rechtssicherheit für alle schaffen und eine solide Vergütung der Urheber sowie eine angemessene Beteiligung der Verlage gewährleistet. In Forschung und Lehre sollen digitale Methoden legal genutzt werden können. Beispiele hierfür sind Text- und Datamining, also die Auswertung digitaler Datenbestände.

So schreibt die SPD in ihrem “Entwurf des Leitantrags der Programmkommission für das Regierungsprogramm 2017” in Zeile 350-356, und skizziert damit so etwas wie den sich abzeichnenden Minimalkonsens unter den Parteien. Text- und Datamining, legale Nutzung für Forschung und Lehre, Open Access. Ob und wie das dann in die Praxis umgesetzt würde, bleibt anzuwarten. Die bisherige Praxis im Bund und den Ländern spricht nicht gerade dafür, dass dieses Thema irgendeiner Partei tatsächlich wichtig wäre, dass man über einen Minimalkonsens hinaus ginge oder so sogar eigene Ideen entwickeln würde.

Nun ja, in einem Bundestagswahlprogramm werden alle Themen nur sehr kurz angeschnitten, übermäßige Kritik ist an dieser Stelle also nicht angebracht. Abzuwarten ist, wie sich das Schattenkabinett zusammensetzen wird und wer wie für diesen Bereich in die Bresche springen wird.

Scholia – Forschungsprofile aus Wikidata generieren

Scholia baut Forscherprofile aus in Wikidata vorhandenen Informaionen. Zum Beispiel werden bibliographische Informationen für die Darstellung von Koautorschaften genutzt. Scholia sieht mehr wie ein proof-of-concept aus, das Potential von Wikidata als zentralem Lieferanten von (nicht nur) Normdaten wird aber sofort klar ersichtlich.

VIVO an der TIB

Wer sich fragt, was ich an der TIB denn so treibe, kann einen kleinen Einblick bekommen in meinem ersten Blogbeitrag für das TIB-Blog. Darin geht es erst einmal um die VIVO-Mitgliedschaft, der neue VIVO-Prototyp und der Mitschnitt unseres VIVO-Webinars wird aber auch erwähnt.

Übrigens bin ich beim Bibliothekstag in Frankfurt und biete da mit meinen KollegInnen ein “Hands-on-Lab” zur Einführung in VIVO an. Vielleicht sehen wir uns da?

Bundesrat stimmt UrhWissG zu: Entwurf eines Gesetzes zur Angleichung des Urheberrechts an die aktuellen Erfordernisse der Wissensgesellschaft

Der Bundesrat stimmt dem Entwurf eines Gesetzes zur Angleichung des Urheberrechts an die aktuellen Erfordernisse der Wissensgesellschaft weitgehend zu (vgl. Beschlussdrucksache BR 312/17(B), PDF). An einigen Stellen, besonders bezüglich der Veröffentlichung von Abbildungen musealer Objekte, fordert der Bundesrat eine weitergehende Offenheit:

Bislang dürfen Museen ihre kulturellen Schätze, die noch dem urheberrechtlichen Schutz unterliegen, nur sehr eingeschränkt im Internet zeigen. Erlaubt ist dies nach Unionsrecht – und ihm folgend nach § 58 Absatz 1 UrhG – bislang nur, soweit und solange dies der Förderung aktueller Ausstellungen dient.
§ 60f Absatz 1 in Verbindung mit § 60e Absatz 1 UrhG-E enthält die grundsätzliche Erlaubnis für Museen, Werke aus ihrem Bestand oder ihrer Ausstellung für Zwecke der Zugänglichmachung zu vervielfältigen. Die anschließende öffentliche Zugänglichmachung kann nach § 60f Absatz 1 in Verbindung mit § 60e Absatz 4 UrhG-E indes weiterhin nur museumsintern erfolgen oder – ent-sprechend dem fortgeltenden § 58 Absatz 1 UrhG – ausschließlich zur Förde-rung aktueller Ausstellungen.

§ 60f Absatz 1 in Verbindung mit § 60e Absatz 3 UrhG-E sieht für die Museen vor, dass diese lediglich körperliche Vervielfältigungsstücke in Zusammenhang mit öffentlichen Ausstellungen oder zur Dokumentation ihrer Bestände verbreiten können. Zu begrüßen ist zwar durchaus, dass ein zeitlicher Zusammenhang mit der Ausstellung anders als in § 58 Absatz 2 UrhG nicht mehr zwingend erforderlich ist.

Diese gesetzliche Erlaubnis muss aber auf die öffentliche Zugänglichmachung der elektronischen Vervielfältigungen der geschützten musealen Ausstellungs-und Bestandswerke ausgeweitet werden, damit insbesondere Museen ihren kulturellen Auftrag in zeitgemäßer Weise erfüllen können:
Museen sollten zum einen auch beendete Ausstellungen weiterhin im Rahmen ihres Online-Angebots dokumentieren können. Zum anderen sollten auch Bestände, die nicht Gegenstand einer Ausstellung waren, auf Grundlage einer gesetzlichen Erlaubnis im Internet gezeigt werden dürfen. Eine gesetzliche Erlaubnis würde es gerade auch kleinen Museen erlauben, ohne bürokratischen Aufwand zur Verbreitung kulturellen Wissens beizutragen.

In diesem Zusammenhang müssen die Interessen und Rechte der Künstlerinnen und Künstler entsprechend berücksichtigt werden.

Der letzte Satz birgt Sprengstoff, denn was eine “entsprechende Berücksichtigung” bedeutet, ist interpretationsfähig.

Eine eingehende Exegese durch Irights, Netzpolitik, Wisspub, das Aktionsbündnis Urheberrecht und andere übliche Verdächtige steht vermutlich bevor.