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Interessantes aus Informations- und Bibliothekswesen

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Sharp EL-8

Die Debatte über Tools zur Berechnung des wirtschaftlichen Nutzens von Bibliotheken kocht zur Zeit wieder etwas höher. Ausgangspunkt war die Meldung von Jürgen Plieninger in Netbib, dass im Bibliotheksportal nun ein Bibliothekswert-Rechner zu finden sei. In INETBIB wurde dazu natürlich eifrig diskutiert, auch beim Haftgrund stieß die Meldung auf reges Interesse und große Ablehnung.

Was mir auch an diesem Rechner wieder mißfällt:

  1. Scheingenauigkeit
  2. Wenn ich alle anklickbaren Dienstleistungen genau ein Mal nutze, bekommt man einen Wert von € 134,59. Über das Zustandekommen der Zahl muss man nun gar nicht debattieren. Ob eine durchschnittliche Zeitschriftenausleihe wirklich dem Gegenwert des Spiegels entspricht, sei dahingestellt. Die Genauigkeit der Angaben wird auf der Seite nirgendwo in Frage gestellt. Journalisten nehmen so etwas für bare Münze. Aber das ist wohl beabsichtigt.

  3. Das Konzept des “Bibliothekswerts”
  4. Berücksichtigt wird hier ausschließlich der Wert für den einzelnen Nutzer. Das eine Bibliothek einen gesamtgesellschaftlichen Effekt hat, der auch rein wirtschaftlich weit über den Nutzen für den einzelnen hinaus geht, wird überhaupt nicht erwähnt. Wenn bibliothekarische Lobbyarbeit schon über ökonomische Zahlenspielereien stattfinden soll, dann darf das auf keinen Fall verschwiegen werden.

  5. Fokus auf den Konsumenten
  6. Bibliotheken haben auch eine wichtige Rolle für die Partizipation am politischen, sozialen und kulturellem Leben. Wer am Geschehen teilhaben möchte, benötigt Informationen. An vieles kommt man inzwischen zwar auch ohne Bibliotheken, an andere aber auch nicht.

Selbst wenn man den Rechner als das nimmt, was er ist (nämlich als Instrument der Öffentlichkeitsarbeit) müsste er meines Erachtens in einen größeren Kontext gestellt werden. Es sollten zumindest Informationen verlinkt werden, die auch den Nutzen erläutern, der über den für das Individuum hinausgeht.

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Dienstag, 12. August 2008 und wurde abgelegt unter "Bibliothek, Bildung & Gesellschaft". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

3 Kommentare

  1. Karsten Schuldt:

    Na, wenn man schon damit anfängt, würde ich aber auch noch mal das hinter diesem Rechner stehende Konzept des willingness-to-pay diskutieren. Letztlich errechnet sich der Wert ja, indem ein Pseudo-Markt gebildet wird (Pseudo weil: es gibt ja nicht wirklich was zu kaufen) und gefragt wird, was jemand sonst bereit wäre dafür zu zahlen. That’s It.
    Aber was soll das als Wert aussagen? Das geht zum Beispiel ganz daran vorbei, dass Bibliotheken auch einen Wert haben, wenn man Medien nicht kauft/borgt, weil man im Regal sieht, dass sie irrelevant sind. Es ignoriert auch, dass man bestimmte Veranstaltungen einfach nicht besuchen würde, wenn sie etas kosten würden. Es ignoniert vor allem Effekte, die über die reine Ausleihe hinausgehen. Und vor allem fehlen in allen diesen Studien, auf denen dieser Rechner basiert (und im Rechner selber) immer Dinge und Aufgaben, die ansonsten Bibliotheken zugeschrieben werden bzw. die sie selber zu schreiben. Vor allem, aber nicht solche, die sich offenbar nicht so einfach als Produkt fassen lassen.
    Man sollte zumindest klar haben, wie eingeschränkt diese Methode ist, bevor man sie anwendet. Und es ist ja auch nicht so, dass diese willingness-to-pay-Studien in anderen Staaten wirklich breit akzeptiert wären, auch wenn das mit dem Verweis auf das Herkommen des Rechners aus Massachusetts indirekt behauptet wird.

  2. CH:

    Hast Du Material über die Akzeptanz dieser Methoden? Es wäre äußerst interessant, so etwas mal zusammenzustellen und den Anhängern hierzulande mal zwecks Kommentierung vorzulegen.

  3. Karsten Schuldt:

    Hey, bei dem Thema würde sich eine weitere Recherche gewiss lohnen. Zur Hand habe ich gerade:
    David McMenemy, “What is the true value of a public library?” Library Review 56, no. 4 (2007): 273–277.
    In diesem Text äußert McMenemy als Editor der Library Review (also jemand, der die Debatten kennt) sein Unbehagen mit diesen ganzen Ansätzen – bzw. der Aussschließlichkeit, mit der sie vorgetragen werden. Interessant ist, dass er darauf verweist, dass diese willingness-to-pay Studien im NGO Bereich verstärkt eingesetzt werden, also beispielsweise um zu zeigen, was durch Umweltzerstörung in einem bestimmten Gebiet an “sozialem Wert” verlohren geht. In bin mir sicher, dass es darum in und bei den großen NGOs auch Debatten gibt (Greenpeace in den USA und Kanada ist ja weit politischer, als z.B. in Deutschland [Nichts gegen Greenpeace, wichtige Arbeit, aber ...]).
    In einer älteren Ausgabe von Uncontrolled Vocabulary (ich glaube der hier: http://uncontrolledvocabulary.com/2008/07/09/uncontrolled-vocabulary-49-the-systems-can-be-gamed/) klang das auch als Thema an, dass “wir” nicht “schon wieder” eine solche Studie brauchen. Es ging damals um eine weitere Studie, die offenbar besser sein wollte, als die Studien davor, die besser waren, als die davor etc.
    Und selbstverständlich sind die “Grundlagenstudien” für den Bibliotheksbereich weit differenzierter, als die auf die Studien folgenden Debatten. Es gibt in ihnen immer auch eine Diskussion der Grenzen des Ansatzes, die dann bsp. beim “Bibliothekswertrechner” nicht mehr thematisiert werden. Soweit ich das sehe wären das für den internationalen Bereich:
    Svanhild Aabø, The Value of Public Libraries: A Methodological Discussion and Empirical Study Applying the Contingent Valuation Method, Bd. 222, Series of dissertations submitted to the faculty of Arts, University of Oslo (Oslo: Department of Media and Communication, University of Oslo, 2005).
    Und für Deutschland:
    Sandra Blanck, “Wert- und Wirkungsmessung in Bibliotheken” in: Neues für Bibliotheken, Neues in Bibliotheken, hg. v. Rolf Fuhlrott, Ute Krauß-Leichert, und Christoph-Hubert Schütte, Bd. 12, B.I.T.online-Innovativ (Wiesbaden: Verlag Dinges & Frick, 2006), 9–105.
    Und als Übersicht über die Grenzen dieser und ähnlicher Ansätze:
    Roxanne Missingham, “Libraries and economic value: a review of recent studies” Performance Measurement and Metrics 6, no. 3 (2005): 142–158.
    An sich bietet sich diese Zeitschrift, Performance Measurement and Metrics, an, um Einblick in diese ganzen Debatten und Ansätze zu erhalten.
    Das ist es, was mir auf die Schnelle einfällt. Aber es sieht schon so aus, als würde eine weitere Recherche auch explizite Kritiktexte zu Tage fördern.
    Gruß, Karsten


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