Infobib

Interessantes aus Informations- und Bibliothekswesen

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Die beiden Kritiken der Informationswissenschaft (Teil 1, Teil 2) von Willi Bredemeier wurden schon von Ben Kaden (direkt zum PDF) und Jakob Voss aufgegriffen und ihrerseits kritisiert.

Ben Kaden1 greift viele Schwachstellen auf, unter anderem auch die grundsätzliche Position Bredemeiers als “exogener” Kritiker. Wer sich dafür und für die diskussionswürdige Einstufung der Informationswissenschaft als Geisteswissenschaft interessiert, möge direkt dort (im oben verlinkten PDF) weiterlesen. Dort sind auch verschiedene andere Punkte aufgelistet, denen ich weitgehend zustimmen kann.

Stichpunktartige zusätzliche Anmerkungen:

  • II.1.1: Nach dem gesellschaftlichen Nutzen zu fragen und dabei die Funktion der Informationswissenschaft als “Berufsschule” auszuklammern, scheint mir nicht redlich zu sein. Dieser Funktion wird innerhalb der Studiengänge eine so bedeutende Stellung eingeräumt, dass mancherorts kaum noch etwas anderes stattfindet.
  • II.1.2: Bredemeier behauptet, dass das “Heranziehen von Gesichtspunkten des Gemeinwohls als ‘Spinnertum’ abgestraft” würde. Wer macht das? Wo ist das der Fall? Die Nützlichkeit für die Gesellschaft, für das Gemeinwohl ist allgegenwärtig, wenn man über Open Access, über Informationskompetenz oder eine flächendeckende Informationsversorgung diskutiert.
  • Im selben Absatz fragt er: “Sind die grundlegenden Fragen unserer Branche nicht zu wichtig, als dass man sie ausschließlich der Informationswissenschaft überlässt?”. Viele grundlegende Fragen werden schon außerhalb der Disziplin beantwortet, wenn man so möchte. Zumindest sehe ich auf Tagungen und in Fachzeitschriften immer wieder Beiträge von beispielsweise Informatikern oder Juristen, die Antworten auf informationswissenschaftliche und -praktische Fragen geben.
  • II.1.3: Ben Kaden hat es schon aufgegriffen, aber dies stach mir so sehr ins Auge, dass ich es nochmal erwähne. “Allerdings haben sich weder Thomson Reuters noch die Wissenschaftsgemeinschaft die Frage gestellt, ob das Reputationssystem der Scientific Community funktionstüchtig ist.”
    Dass der Impact Factor kaum mehr als eine Krücke ist, ist wohl den meisten Wissenschaftlern, aber zumindest fast allen Bibliothekswesen durchaus bewusst. Nicht umsonst gibt es zahllose Versuche, ihn durch bessere bibliometrische Verfahren abzulösen. Auch die Diskussion über die Zulässigkeit dieser Quantifizierung wissenschaftlicher Qualität überhaupt ist weder neu noch im Geheimen erfolgt.
  • II.2.1:

    Das vielfach behauptete Kompetenzgefälle zwischen Wissenschaft und Praxis besteht in der Informationswissenschaft kaum.

    Bredemeier beschreibt dann, dass das Gefälle kaum existiert. Wer behauptet es denn?

  • II.5:
    Sollte es dennoch in mindestens einem Fall zu einer nachhaltigen Bereicherung der Entwicklung in Wissenschaft oder Praxis durch die Kommunikation und Kooperation miteinander gekommen sein, so sind diese ein Geheimnis geblieben.

    Kooperationen und gegenseitige Beratung sind mir beispielsweise aus dem Umfeld der Open-Access-Projekte bekannt. Diese Projekte sind schon von ihrer Ausrichtung an der Nahtstelle zwischen Grundlagen und Anwendung angesiedelt. Zum Beispiel OA-Statistik. Dort müssen werden alternative bibliometrische Verfahren untersucht. Ohne konkrete Einbindung von Praktikern (Repositoriums-Management, Autorenbetreuung, etc.) wäre das Projekt jedoch gar nicht denkbar. Ein richtiger und wichtiger Punkt ist allerdings im letzten Nebensatz versteckt: Die Projekte kommunizieren zu wenig mit der fachpraktischen Öffentlichkeit, in diesem Fall also z.B. den gemeinen Bibliothekswesen. Aber auch dies ist den Akteuren inzwischen bekannt und erfährt hoffentlich in näherer Zukunft eine Besserung.

Damit sind wir beim zweiten Teil angelangt.

  • III: Und gleich zu Beginn wird ein ganz grobes Mißverständnis angesprochen. Bredemeier schreibt:

    Nach dem Selbstverständnis der Wissenschaft werden Erkenntniszuwächse in Zeitschriftenbeiträgen und auf Tagungen kommuniziert.

    Wäre dies so, würde es nicht zu ausufernden Diskussionen über Fachkommunikation hier und in zahlreichen anderen Blogs kommen, von der Einrichtung eines Blogs zur Zukunft des wissenschaftlichen Journals ganz zu schweigen. Jakob Voss schrieb auch, dass die Rezeption der “Kritik der Informationswissenschaft”

    nicht bzw. für Abbonnenten bislang nur teilweise online frei verfüg- und verlinkbar [sei]. Dies mag ein Grund sein, weshalb er in der Biblioblogosphäre noch nicht rezipiert wurde.

    Wer in Printzeitschriften schreibt, wird nur von Abonnenten gelesen. Die Debatte über die verschiedenen Arten der Fachkommunikation möchte ich hier nicht wieder anstoßen. Aber nicht nur diese Diskussion deutet auf einen Paradigmenwechsel in der Fachkommunikation hin. Auch der Erfolg des Bibcamps ist ein eindeutiges Signal, dass es bessere Kanäle für die Verkündigung von Projekt- und Forschungsergebnissen gibt als Konferenzen. Die gemeinsame Zeit kann man (je nach Gusto und Veranstaltung: manchmal/häufig/oft/immer) sinnvoller durch Kommunikation miteinander füllen, statt nur einem Referenten zuzuhören.
    Wie erwähnt: diese Diskussion ist zu groß und zu grundsätzlich, um sie hier noch einmal neu zu beginnen.

  • IV.2: Sehr richtig ist Bredemeiers Kritik zur Einteilung der Arbeiten in Sonderkategorien wie “Doktoranden-Vorträge” oder “Studentenpräsentationen”.

    Nicht, dass es für Tagung und Reader keine schlechtere Lösung hätte geben können. Diese hätte darin bestanden, dass man Doktoranden und Studenten überhaupt keine Chance zu einem Auftritt in Konstanz mit anschließender Veröffentlichung gegeben hätte.

    Wie kann der gelungene Kompromiss zwischen Nachwuchsförderung und hohem wissenschaftlichem Anspruch einer Tagung aussehen?

  • IV.3.1: Kritisiert wird die Nennung der Mitglieder des Programmkommitees inkl. Titel.

    Besser als eine Auflistung von Titeln wäre die Angabe wissenschaftlicher Thesen gewesen, die die Mitglieder des Programmkomitees vertreten. Auf diese Weise wäre von vornherein ein Bezug zwischen Wissenschaftlern und ihren informationswissenschaftlichen Thesen sichergestellt und ein Interesse an einer inhaltlichen Thematik deutlich geworden.

    Wie soll das aussehen? “Lisa Lustig vertritt These A und B mit der Einschränkung, dass…”? Für die inhaltliche Diskussion ist m.E. die Konferenz und der Tagungsband zuständig. Die Nennung der Titel mag überflüssig sein, das Aufführen inhaltlicher Standpunkte ist jedoch zu komplex und somit fehleranfällig. Ausdiffernzierte Positionen müssten dadurch weit verkürzt werden, nur damit sie in einem Personenverzeichnis aufgeführt werden können.

  • IV.3.2:
    An dem Programmkomitee fällt seine ungeheuerliche Größe auf. Wer einmal selbst Veranstaltungen organisiert hat, weiß, dass es auf kleine schlagkräftige Teams ankommt, wenn man ein Mindestmaß an Effizienz und eine Erfüllung des Tagungsziels sicherstellen will.

    Das ist eine sehr subjektive Kritik. Sie hat auch mit der inhaltlichen Arbeit des Komitees nichts zu tun.

  • IV.3.3:

    An dem Programmkomitee fällt zusätzlich die extreme Konzentration auf den Hochschulbereich auf.

    Ist das verwunderlich? Woher sollen die Angehörigen des Komitees denn sonst kommen? Bei einer Tagung über die Erdölförderung in der Tiefsee würde die Beteiligung der fördernden Gesellschaften das Vertrauen in die Parteilosigkeit der ausgewählten Referenten nicht unbedingt steigern. Wie es um von Pharma-Konzernen (mit)organisierte Tagungen und Zeitschriften steht, ist allgemein bekannt, ebenso die regelmäßig wiederkehrenden Skandale. Als Referenten sind Industrievertreter auf fast allen von mir besuchten Konferenzen vertreten gewesen. Kürzlich auf den OA-Tagen haben de Gruyter und Springer ihre Open-Access-Strategien vorgestellt. Das ist für niemanden ein Problem. Im Gegenteil, es bereichert beide Seiten. Wäre einer der Referenten jedoch im Komitee gewesen, wäre er vielleicht in die mißliche Lage gekommen, über die Annahme eines direkten Konkurrenten mitentscheiden zu müssen.
    Objektive Auswahl und Bewertung von Fachbeiträgen ist schon schwierig genug, wenn “nur” Faktoren wie Zu- oder Abneigung, fachliche Konkurrenz zwischen Instituten und ähnliches hineinspielt. Wirtschaftliche Konkurrenz macht dies m.E. schwer bis unmöglich.2

Fazit

Es finden sich bestimmt noch weitere kritikwürdige Punkte in diesen beiden, und sicherlich auch in den noch folgenden Teilen der “Kritik an der Informationswissenschaft”. Aber auch wenn mein Posting hier vielleicht so anmuten mag, soll es keineswegs ein Verriß sein! Kaden schreibt:

Die „Kritik der Informationswissenschaft“ ist angesichts der Unklarheit über den Status des Fachs, die gerade der Text Willi Bredemeiers offenbart, mehr als notwendig. Insofern ist er als Impuls wichtig.

Selbst wenn man den Status selbst nicht für wichtig erachtet, bleiben genug Punkte, die diskutiert werden können. Bredemeiers Verdienst ist nicht, Antworten gefunden zu haben. Doch zumindest teilweise stellt er die richtigen Fragen, oder anders: falsche Gewissheiten in Frage. Die Diskussion über Ziele und Methoden der Informationswissenschaften muss stattfinden und ich bin schon gespannt auf die weiteren Teile dern “Kritik”. Vielleicht führen sie ja auch dazu, dass aus Password ein Journal wird, dass die Informationswissenschaft nicht nur diskutiert, sondern auch selbst dem Stand der Forschung entspricht.3 Dies nur als Anregung eines interessierten und besorgten Informationspraktikers mit Common Sense.


  1. Wenn ich Ben Kaden hier zitiere, meine ich immer den in Libreas erschienenen Kommentar “Die sogenannte Geisteswissenschaft: Willi Bredemeiers Kritik der Informationswissenschaft misstönt schon bei der Ouvertüre” (PDF) []
  2. Über die Schwierigkeiten der Verflechtung von Industrie und Wissenschaft wird regelmäßig und polemisch im Blog Forschungsmafia berichtet. Dort fand ich auch den Hinweis auf einen DLF-Beitrag von Philip Banse, in dem über die Probleme wirtschaftsfinanzierter Forschung gesprochen wird. []
  3. Diese Diskussion bitte hier führen: http://beyondthejournal.net/ und insbesondere die Kriterien für ein informationswissenschaftliches Journal der Zukunft lesen! []

Dieser Beitrag wurde geschrieben am Montag, 25. Oktober 2010 und wurde abgelegt unter "Informationswissenschaft". Du kannst die Kommentare verfolgen mit RSS 2.0. Kommentare und Pings sind zur Zeit geschlossen.

5 Kommentare

  1. Elisabeth Wunsow:

    Der Vergleich mit dem Pharma-Bereich erscheint mir übertrieben. Derartige Gefahr bestehen nur, wenn wirklich große Summen im Spiel sind. Und das ist in der Informationswirtschaft und -wissenschaft normalerweise nicht der Fall. Dass die Beteiligung der Wirtschaft im Komitee zu einem “Geschmäckle” führen würde ist allerdings richtig.

  2. CH:

    Mir ging es auch nur darum, eine Richtung aufzuzeigen. Es gibt im übrigen sicherlich auch positive Beispiele der Kooperation zwischen Wirtschaft und Wissenschaft auch auf inhaltlicher Ebene. Im Board der DGI-Tagung halte ich sie jedoch für potentiell problematisch.

  3. Willi Bredemeier:

    Nach den Kritiken von Voss, Ben Kaden und nunmehr infobib bin ich positiv überrascht, erstens, dass es überhaupt Antworten gegeben hat, und zweitens über die Inhalte der Antworten. Ursprünglich hatte ich erwartet, von der Informationswissenschaft tödliches Schweigen zu ernten. Beispielsweise habe ich über ein Jahrzehnt lang einen rationalen Diskurs in der Fachinformationspolitik eingefordert, bevor ich überhaupt eine Antwort vom seinerzeitigen Bundesministerium für Forschung und Technologie erhielt. Diese war aus meiner Sicht völlig verfehlt. Die Wissenschaftler, die sich zu einem guten Teil vom BMFT als finanziell abhängig empfanden, sagten sehr wenig zu dem wichtigsten fachinformationspolitischen Thema in jenen Jahren.

    Nun, da die ersten Antworten auf meine „Kritik der Informationswissenschaft“ vorliegen, korrigiere ich mich: Ja, ich habe der Informationswissenschaft mit meinen Einschätzungen Unrecht zugefügt. Sie ist doch kommunikationsfähig. Sie ist bereit, auf einzelne Kritikpunkte einzugehen und vielleicht sogar fähig, Einsicht zu zeigen und sich zu reformieren.

    Insoweit haben wir einen weitgehenden inhaltlichen Konsens. Ich zitiere aus infobib ein Zitat:

    „Kaden schreibt: Die „Kritik der Informationswissenschaft“ ist angesichts der Unklarheit über den Status des Fachs, die gerade der Text Willi Bredemeiers offenbart, mehr als notwendig. Insofern ist er als Impuls wichtig. Selbst wenn man den Status nicht für wichtig erachtet, bleiben genug Punkte, die diskutiert werden können. Bredemeiers Verdienst ist nicht, Antworten gefunden zu haben. Doch zumindest teilweise stellt er die richtigen Fragen, oder anders: falsche Gewissheiten in Frage. Die Diskussion über Ziel und Methoden der Informationswissenschaften muss stattfinden und ich bin schon gespannt auf die weiteren Teile der „Kritik“.“

    Angesichts eines solchen prinzipiellen Konsenses habe ich mich gefragt, ob ich die Einzelkritiken an den bisherigen Teilen meiner Kritik auf sich beruhen lassen oder zumindest zurückstellen sollte. So viel Anmerkung zu den neuerlichen Kritiken im Einzelnen verbunden mit wenigen allgemeinen Schlussfolgerungen sollen aber sein:

    1. Kritik an mir: „Nach dem gesellschaftlichen Nutzen zu fragen und dabei die Funktion der Informationswissenschaft als „Berufsschule“ auszuklammern, scheint mir nicht redlich zu sein. Diese Funktion wird innerhalb der Studiengänge eine so bedeutende Stellung eingeräumt, dass mancherorts kaum noch etwas anderes stattfindet.“

    Meine Antwort: Dem zweiten Satz stimme ich zu. Mir Unredlichkeit vorzuwerfen, weil ich mich auf Aspekte der informationswissenschaftlichen Forschung konzentriert habe, halte ich jedoch für verfehlt. So viel Spezialisierung muss in einem Beitrag erlaubt sein.

    2. Kritik an mir: „Das vielfach behauptete Kompetenzgefälle zwischen Wissenschaft und Praxis besteht in der Informationswissenschaft kaum. Bredemeier beschreibt dann, dass das Gefälle kaum existiert. Wer behauptet es denn?“

    Meine Antwort: Wenn dieses Kompetenzgefälle nicht als selbstverständlich vorausgesetzt würde, warum ergreifen dann in dem von mir als Bezugspublikation herangezogenen Reader nur die Hochschulforscher das Wort? Andererseits freue ich mich, dass das Kompetenzgefälle auch in den Augen anderer nicht zu existieren scheint, selbst wenn sie nur Worte, nicht Taten als diskussionswert erachten.

    3. Kritik an mir: infobib kritisiert meinen Satz „Sollte es dennoch in mindestens einem Fall zu einer nachhaltigen Bereicherung in Wissenschaft und Praxis gekommen sein, so sind diese ein Geheimnis geblieben“ und weist sodann auf das Beispiel als Open-Access-Projekte hin.

    Meine Anwort: infobib hat recht. Meine Formulierung war polemisch überspitzt und insoweit falsch. Ich möchte meine Kritik an einer insgesamt gesehen mangelnden und teilweise völlig fehlenden Praxisorientierung der informationswissenschaftlichen Forschung demnächst differenzieren.

    4. Lob für mich: „Sehr richtig ist Bredemeiers Kritik zur Einteilung der Arbeiten in Sonderkategorien wie „Doktoranden-Vorträge“ oder „Studentenpräsentationen“. Nicht, dass es für Tagungen und Reader keine schlechtere Lösung hätte geben können. Diese hätte darin bestanden, dass man Doktoranden und Studenten überhaupt keine Chance zu einem Auftritt in Konstanz mit anschließender Veröffentlichung gegeben hätte. Wie kann der gelungene Kompromiss zwischen Nachwuchsförderung und hohem wissenschaftlichen Anspruch einer Tagung aussehen?“

    Meine Antwort: Ich freue mich, dass meine in der Tat erboste Beanstandung einer Errichtung einer Klassengesellschaft auf einer wissenschaftlichen Tagung auf fruchtbaren Boden gefallen ist. Ich vermute, dass sich gelungene Lösungen ergeben, sobald nicht nur eine kleine Minderheit sieht, dass an den Hochschulen ein Spannungsfeld zwischen bürokratisch-hierarchischen Strukturen (für die Abwicklung von Verwaltungsangelegenheiten) und prinzipiell egalitärer Erkenntnisgewinnung (also für das eigentlich wissenschaftliche Arbeiten) zu konstituieren ist. Mein gegenwärtiger Eindruck ist, dass die organisationsstrukturell an den Hochschulen Privilegierten bisher nicht auf den Gedanken gekommen sind, man könne ein solches Spannungsfeld aufbauen. Da mag ein Hinweis auf ihre persönliche Interessenlage erlaubt sein.

    5. Kritik an mir: „Kritisiert wird die Nennung der Mitglieder des Programmkomitees inkl. Titel. Besser als eine Auflistung von Titeln wäre die Angabe wissenschaftlicher Thesen gewesen, die die Mitglieder des Programmkomitees vertreten. … Wie soll das aussehen? „Lisa Lustig vertritt These A und B mit der Einschränkung, dass…? …“

    Meine Antwort: Ich habe mich über die Titelsucht an den Hochschulen lustig gemacht, da sie letztlich ständestaatliche und hierarchieorientierte Vorstellungen zum Ausdruck bringen und der prinzipiell egalitären Erkenntnisgewinnung im Wege stehen. Dabei dachte ich, der obige Vorschlag sei als Satire erkennbar. Da das nicht der Fall war, bitte ich um Entschuldigung.

    6. Kritik an mir: Ich habe die ungeheuerliche Größe des Programmkomitees kritisiert sowie seine extreme Konzentration auf den Hochschulbereich. infobib schreibt dazu unter anderem: „Ist das verwunderlich? Woher sollen die Angehörigen des Komitees denn sonst kommen?“

    Meine Antwort: Diese Merkmale des Programmkomitees bleiben kritikwürdig, wenn sie Indizien dafür sind, dass sich die Informationswissenschaft trotz eines fehlenden Kompetenzgefälles zur Praxis von externen Anregungen abschottet (am Referenzreader belegt) und wenn die Informationswissenschaften entgegen den Anforderungen der Wissenschaftstheorie vorwiegend eine Konsens- und nicht eine Kritikgemeinschaft ist. Beide Thesen erhalte ich aufrecht. Nach meinen Eindrücken leben nicht wenige informationswissenschaftliche Institute in einer „Splendid Isolation“, indem sie ihren eigenen isolierten Interessen folgen, statt sich um aufeinander aufbauende Erkenntnisse oder nur einen gemeinsamen Bezugsrahmen zu bemühen. Wenn dem so ist, lässt sich die ungeheure Größe des Programmkomitees und die extreme Abschottung von externen Anregungen sehr wohl als Institutionalisierung eines aus erkenntnistheoretischer Sicht illegitimen Nichtangriffspaktes unter Professoren deuten.

    7. Entwicklungspotenziale für mich: infobib hofft, „das aus Password ein Journal wird, dass die Informationswissenschaft nicht nur diskutiert, sondern auch selbst dem Stand der Forschung entspricht.“

    Meine Antwort: Das verstehe ich nicht. Soll ich jedem News ein Literaturverzeichnis zuordnen oder vor jeder Veröffentlichung eine Peer Review durchführen? Falle ich selbst der Titulariensucht anheim und schmücke ich mich besser mit meinen tatsächlichen oder mit meinen erfundenen Titeln? Das allerdings, das sei vorsichtshalber gesagt, war Satire.

    8. Meine allgemeine Kritik an den bisherigen Kritiken. Sowohl an Ben Kaden als auch an infobib vermisse ich Perspektive. Auf meine zentralen Kritikpunkte gehen sie außerhalb der allgemeinen Aussage, die Informationswissenschaft müsse als solche diskutiert werden, nicht ein. Warum doktern sie auf Nebenschauplätzen und der Indizienebene herum, statt auf meine Hauptthese einzugehen?

    Ben Kaden tummelt sich auf einem Nebenschauplatz, indem er meine Position als externer Kritiker der Informationswissenschaft aufs Korn nimmt. Ich habe beispielsweise am Bezugsreader eine derart extreme Abschottung der Hochschulforschung von externen Anregungen nachgewiesen, dass ich glaubte, meine Kritik als Externer an der insitutionalisierten Informationswissenschaft begründen zu müssen. Ich könnte mich aber auch Teilen der Hochschulforschung zugesellen und mich als Interner in jener Gruppe sehen, die an neuen und relevanten Erkenntnissen interessiert ist. Meine inhaltliche Kritik würde sich dadurch in keiner Weise verändern.

    An infobib beanstande ich, dass es auf der Indizienebene bleibt, meine zentralen Thesen hingegen, die von den Indizien belegt werden, außen vor lässt. Dabei ließe sich beispielsweise die extreme Abschottung der Informationswissenschaft von externen Anregungen bei weitem nicht nur an dem einen beinahe zufällig ausgewählten Reader festmachen.

    Eine meiner zentralen Thesen lautet, dass sich die Informationswissenschaft nicht um die Anweisungen der Wissenschaftstheorie kümmert. Warum entwirft sie nicht, um teilweise in der Sprache des Kritischen Rationalismus zu sprechen, kühne Thesen, widerlegt sie in harten Tests und konstituiert sich als Kritikgemeinschaft statt als Konsensverein, um auf wissenschaftlichen Tagungen die bürokratisch-hierarchische Organisationsstruktur der Hochschulen widerzuspiegeln, Inhabern minderer Positionen an Hochschulen ebenso mindere Positionen auf Tagungen zuzuweisen und alle anderen de facto von der Tagung auszuschließen? Dazu hätte ich gern mehr von infobib gehört.

    9. Versuch eines zusätzlichen Fazits: Sind wir uns demnach in folgenden Punkten einig?

    • An den Hochschulen ist ein Spannungsfeld zwischen bürokratisch-hierarchischen Strukturen und prinzipiell egalitärer Erkenntnisgewinnung zu konstitutieren.
    • Ein Nichtangriffspakt unter Hochschullehrern und ein damit einhergehender Verzicht auf Kritik untereinander widerspricht den Anforderungen der Wissenschaftstheorie.
    • Wann macht sich die Informationswissenschaft daran, einen gemeinsamen Bezugsrahmen zu entwerfen, zu einander aufbauenden Erkenntnissen zu kommen und Ergebnisse zu liefern, die für die Praxis nützlich sind?

  4. CH:

    Ich hätte gerne direkt auf auf Ihr Posting geantwortet, mein Kommentar wurde jedoch 2x verschluckt. Nun eben an dieser Stelle:

    Punkt 7 möchte ich noch einmal erklären. Ein informationswissenschaftliches Print-Journal entspricht m.E. nicht wirklich dem Stand der Dinge. Hätten Sie Ihre “Kritiken” nicht in E-LIS eingestellt, hätte ich sie mit hoher Wahrscheinlichkeit nie wahrgenommen, gelesen und beantwortet. Aus diesem Grund hatte ich meiner Replik in Infobib eine Fußnote beigefügt, die auf Lambert Hellers und Heinz Pampels Kriterien für ein informationswissenschaftliches Journal der Zukunft verweist.

    1. Zugang: Der rechtlich und technisch barrierefreie Zugang, mitsamt Optionen der Nachnutzung, eröffnet vielfältige Möglichkeiten im Umgang mit Wissen und Information. Die informationswissenschaftliche Zeitschrift der Zukunft veröffentlicht alle Publikationen nachnutzbar im Open Access.

    Wer Diskurs möchte, muss sich der Öffentlichkeit stellen. Und so wenig wie der von Ihnen als Beispiel gewählte Tagungsband repräsentativ für die Informationswissenschaft ist, nur weil er es selbst behauptet, so wenig entspricht die Password-Leserschaft der informationswissenschaftlichen Öffentlichkeit.

    Zur Zeit ist Libreas das einzige Journal im deutschsprachigen Raum, dass den Kriterien weitgehend entspricht, siehe dazu auch das von Jakob Voss’ im Verlauf der Diskussion um bibliothekarische Fachkommunikation angelegte Spreadsheet.

    Umso mehr finde ich es erfreulich, dass Sie sich mit den Kritiken aus dem Kontext des Print-Journals herausbewegen und zumindest einen Teil von “Password online” tatsächlich “online” machen.

  5. Ben:

    Ich freue mich sehr darüber, dass sich in der Tat ein kleiner wissenschaftstheoretischer Diskurs zu entwickeln scheint, der freilich bisher mehr einzelne Schwalbe als großartiger Sommer ist. Natürlich ist es für die Fachwelt immer schön zu sehen, wie sich drei, vier Akteure die argumentativen Bälle zuprellen. Dennoch muss man bedauerlicherweise einräumen, dass es angesichts der Drastik in der Kritik Willi Bredemeiers in der Informationswissenschaft vergleichsweise ruhig blieb. Denn Wissenschaft ist doch eigentlich Kommunikation inklusive ihrer Erscheinungsform als Auseinandersetzung und die “Kritik der Informationswissenschaft” dabei ein Handschuh, über den, von einem Peer hingeworfen, normalerweise niemand schulterzuckend hinwegsteigen kann.

    Was Willi Bredemeier als Nebenschauplatz ansieht, ist in meinen Augen tatsächlich das Kernproblem: Dadurch dass er nicht als Wissenschaftler argumentiert, sondern als externer Beobachter, macht er es den Angesprochenen sehr leicht, seine Beanstandungen an ihrem Fach kommentarlos als nicht zu ihrem Betriebsbereich gehörig zu übergehen.
    Dabei benötigt die Disziplin ganz offensichtlich mehr (selbst-/kritischen) Diskurs über sich selbst. Dies entspricht m.E. der aktiven Konstruktion des eingeforderten Bezugsrahmens.

    Als Mitherausgeber von LIBREAS möchte ich daher noch einmal darauf hinweisen, dass das Thema der kommenden Ausgabe “Wissenschaftskommunikation und Wissensorganisation” ganz konkret auch die sich hier niederschlagende Diskussion bzw. generell die kommunikative Praxis der (Bibliotheks- und) Informationswissenschaft thematisiert.
    Entsprechende Beiträge sowohl von den in der Debatte bislang Aktiven wie auch natürlich allen anderen informationswissenschaftlichen Akteuren sind daher ausdrücklich willkommen!


Kritik der Informationswissenschaft I + II von Willi Bredemeier von CH steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz. blogoscoop
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