Infobib

Interessantes aus Informations- und Bibliothekswesen

Du durchsuchst gerade das Archiv des Tags ‘kulturgut’.

Archiv: kulturgut

Ausführlicher Bericht über die Rettung von Kulturgütern aus Timbuktu im letzten Jahr: The Race to Save Mali’s Priceless Artifacts.

[via Boingboing]

Der Historikerverband hat gerade zur Unterzeichnung aufgerufen. Den Hintergrund zum Planungsstopp gibt es auf Openpetition.de.

[via Archivalia]

Zeit.de: “Malische Bibliotheksschätze in Geheimaktion gerettet

“Die Dokumente sind nicht verbrannt”, sagte Mahmoud Zouber, Berater für Islamangelegenheiten unter Expräsident Amadou Toumani Touré, dem Magazin. Es sei klar gewesen, dass die Manuskripte in der Bibliothek ein attraktives Ziel für Plünderungen und Zerstörung darstellten. Sein Büro sei deshalb im vergangenen Jahr dafür zuständig gewesen, einen Großteil der Dokumente an einen sicheren Ort zu bringen.

Im Artikel sind auch ein paar Infos über die Bibliothek zu finden. Die Dokumente der Sammlung sind zum Teil anscheinend nicht einmal katalogisiert.

Die Wut ist groß auf die Islamisten in Mali. Nicht nur ihre Gräueltaten gegen die Einwohner sorgen für Zorn. Gewaltige Entrüstung löste auch die Nachricht aus, dass die Islamisten die Bibliothek in der Wüstenstadt Timbuktu angesteckt und damit offenbar Tausende Schriften zerstört haben.

Mehr auf Tagesschau.de.

Die Taz berichtet über die Nöte der Lübecker Stadtbibliothek:

Wo alter Reichtum und steter Verfall so krass aufeinandertreffen wie kaum irgendwo sonst: Schätze aus zehn Jahrhunderten muss die Lübecker Stadtbibliothek hüten – hat aber nicht mal Mittel zum Erhalt ihrer Zweigstellen. Auftakt zur neuen Serie über norddeutsche Bibliothekszustände

In der nächsten Folge soll es um die Schweriner Stadtbibliothek gehen.

Seit 85 Jahren sammelt die Muziekbibliotheek des MCO Hilversum Aufführungsmaterialien des niederländischen öffentlichen Rundfunks. Vielleicht nicht mehr lange. Jutta Lambrecht informiert über den Fall in ihrem Blog info-netz-musik:

“Sollten im nächsten Jahr tatsächlich keine Gelder mehr zur Verfügung stehen, landet im schlimmsten Fall alles beim Altpapier” befürchtet Martie Severt, der Manager der Musikbibliothek. Das Notenarchiv des öffentlich-rechtlichen Rundfunks besitzt Regalkilometer voll von Unikaten, die in den letzten 85 Jahren speziell für das Radio oder Fernsehen produziert wurden.

Die KollegInnen dort freuen sich sicherlich über Unterstützung auf der MCO-Webseite.

2012 20 Nov

Causa Stralsund: Suspendierung und Rückabwicklung

Abgelegt unter: Bibliothek | RSS 2.0 | TB | Tags: , , , | Kommentare geschlossen

Klaus Graf macht in Archivalia auf einen Meilenstein in der Causa Stralsund aufmerksam. Der Stralsunder OB Alexander Badrow (CDU) gab bekannt, dass ein von Nigel Palmer und Jürgen Wolf erstelltes Gutachten zur Rückabwicklung des Kaufes und zur Suspendierung der Archivleiterin führen soll.

Infobib wird laut Graf übrigens im online m.W. nicht verfügbaren Gutachten erwähnt:

Zu den Quellen des Gutachtens heißt es: “Unsere Stellungsnahme beruht auf der Durchsicht der in Stralsund vorhandenen handschriftlichen Bestandsverzeichnisse der Gymnasialbibliothek, der Recherche in Antiquariatskatalogen mit aktuellen Angeboten aus dem Stralsunder Konvolut, den einschlägigen gedruckten Publikationen (Zober 1860, Ewe 1994, Fabian-Handbuch) und der Kenntnisnahme der Blogs der letzten Wochen im Internet: u. a. Archivalia, Schmalenstroer.net und Infobib.de.”

Dazu sei noch einmal ausdrücklich darauf verwiesen, dass es Falk Eisermann war, der die ganze Angelegenheit – also im Wesentlichen Klaus Graf – mit einem Kommentar ins Rollen brachte.

Auch wenn Badrow nun zurückrudert und die Angelegenheit tatsächlich wieder in Ordnung bringen sollte, bleibt noch zu klären, wie es zum Verkauf kommen konnte. Als Stralsunder würde ich die Politik da nicht so schnell aus der Verantwortung lassen. Immerhin wurde der Verkauf in geheimer Sitzung von der Stralsunder Bürgerschaft genehmigt.

In der Frankfurter Rundschau und beim NDR wird inzwischen über die Stralsunder Missachtung von Kulturgut berichtet. Einen Überblick über die Vorgänge hatte ich hier schon einmal gegeben, aktuelle Informationen gibt es in Archivalia.

Eine der wesentlichen Neuerungen des Falls ist wohl die Petition “Rettet die Stralsunder Archivbibliothek”, die von Philipp Maass am 7. November ins Leben gerufen wurde. Da ich bislang keine Äußerungen des verantwortlichen Oberbürgermeisters Alexander Badrow (CDU) finden konnte, möchte ich mitlesende StralsunderInnen auffordern, sich zusätzlich zur Petitionsmitzeichnung doch direkt an ihn um Auskunft zu wenden.

Auf der “Aktuelles”-Seite des Stadtarchivs ist übrigens seit 15. Dezember 2011 nichts Neues zu verzeichnen. Abgesehen von einem Schimmelbefall und einem veritablen Skandal ist ja auch seither kaum etwas Ungewöhnliches passiert.

PS: Daß Stralsunder Kulturgut zerfällt, ist auch nichts Neues. Erinnert sei an die Einbäume von Stralsund. Vermutlich darf die MV-CDU demnächst wieder eine Pressemitteilung wie vor drei Jahren herausgeben, in der von einer “unglückliche[n] Verkettung von Fehlentscheidungen in der Vergangenheit” gefaselt wird. Weiter: “Eine Vorverurteilung Einzelner oder von Landesbehörden ist der nun unbedingt notwendigen Untersuchung nicht sachdienlich.” Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen, wird dort offenbar auch als eher hinderlich empfunden.

Falk Eisermann machte in einem Archivalia-Kommentar darauf aufmerksam, dass bei einer “Veräußerung eines Teilbestandes der ehemaligen Gymnasialbibliothek” Stralsunds Hinweise auf den schlechten Zusatnd des Bücherbestands gegeben hätte. Der verlinkte Artikel “Bücherschätze im Bürgermeister-Büro” aus der Ostsee-Zeitung ist leider online nicht (mehr) zugänglich.

In der Folge hat Klaus Graf Kontakt mit der Stadt Stralsund aufgenommen und folgende Antwort des Pressesprechers erhalten:

Bestätigen können wir Ihnen deshalb, dass ein Antiquar die bisher im Stadtarchiv Stralsund befindliche Gymnasialbibliothek angekauft hat. Darüber hinaus können wir jedoch keine weiteren Informationen geben, da es sich hierbei um schutzwürdige Interessen handelt. Deshalb wurde dem Verkauf durch ein Gremium der Bürgerschaft im nichtöffentlichen Teil der entsprechenden Sitzung zugestimmt.

Stadtarchiv Stralsund (CC-BY-SA, von DarkOne)

Stadtarchiv Stralsund (CC-BY-SA, von DarkOne)

Als schutzwürdig werden hier die Interessen der am Ausverkauf Beteiligten benannt, und nicht etwa das Interesse der Allgemeinheit an Kulturgut. Eric W. Steinhauer dazu, ebenfalls in einem Archivalia-Kommentar:

Ob die Unveräußerlichkeit von Archivgut in Archivgesetz auch für kommunale Archive in MV gilt, ist nach dem Gesetzeswortlaut eher fraglich. Darauf kommt es aber nicht an, weil sich aus der Satzung des Archivs eindeutig ein Veräußerungsverbot ergibt. Der Rat hätte vorher die Satzung ändern müssen, was in einer ÖFFENTLICHEN Ratssitzung zu beraten wäre. Allein das ist schon eine relevante Hürde. Ich stimme Herrn Graf im Ergebnis zu, dass der Verkauf der Bibliothek rechtswidrig war und damit ein Fall für die Kommunalaufsicht ist.

Harald Müller sekundiert (laut Archivalia) in Inetbib, dort konnte ich die Mail jedoch nicht finden:

Ich teile die rechtliche Einschätzung von Herrn Steinhauer: hier ist § 134 BGB anwendbar.

Der genannte Paragraph ist schlicht betitelt mit “Gesetzliches Verbot” und lautet ebenso schlicht:Ein Rechtsgeschäft, das gegen ein gesetzliches Verbot verstößt, ist nichtig, wenn sich nicht aus dem Gesetz ein anderes ergibt.

In Inetbib wird der Vorgang in diesem Thread diskutiert. Die Blogpostings zu diesem Fall kann man recht gut über Plan3t.info recherchieren.

Ach ja: Stralsunds Bürgermeister, Alexander Badrow von der CDU, schreibt auf seiner Homepage:

Stralsund hat ein außergewöhnlich breites Kulturangebot. Dies gilt es zu erhalten und weiter zu entwickeln.

Es ist Badrow sehr wichtig, von den Nöten seiner Mitbürger zu erfahren: Stralsund kann nur vorankommen, wenn Ihre Meinung gehört wird. Deshalb können Sie sich hier direkt an Dr. Alexander Badrow wenden. Hier geht’s zu Herrn Badrow. Dass Stralsund sich zwar überall “Hansestadt” nennt, nun aber eine Bibliothek aus eben dieser Zeit verscherbelt, passt schließlich nicht so gut zusammen.

Wie der NDR berichtet, ist das Portal Kulturerbe Niedersachsen nun eröffnet:

Das Land Niedersachsen ist um ein virtuelles Museum reicher: Im Internet-Portal “Kulturerbe Niedersachsen” sind nun bedeutende Kulturschätze des Landes für jedermann kostenlos zu besichtigen. Kulturministerin Johanna Wanka (CDU) hat den offiziellen Startschuss für die Website am Dienstag gegeben.

Museum heißt hier, dass man sich bunte Bilder innerhalb des Portals ansehen kann. Bei vielen Werken (zum Beispiel hier)ist folgender Hinweis zu finden: Dieses Exponat kann nur nach vorheriger Rücksprache zur Verfügung gestellt werden.

Was bedeutet das? Ich finde keinen Unterschied zu Werken, bei denen dieser Hinweis nicht zu finden ist. Zum Beispiel bei diesem Gemälde von Jacob Philipp Hackert. Keine Downloadmöglichkeit, Rechtsklick funktioniert jedoch. Es ist davon auszugehen, dass sich diese Beschränkung auf das Original bezieht.

In den Nutzungsbedingungen heißt es übrigens: Die Inhalte des Onlineportals “Kulturerbe Niedersachsen” sind urheberrechtlich geschützt.”

Das ist dringend zu ändern. Einige Objekte sind sicherlich urheberrechtlich geschützt. Wenn man sich aber die Verteilung der Objekte auf die Jahrhunderte anschaut, merkt man sehr schnell, dass dies für den Großteil der Objekte nicht zutrifft (in Klammern steht die Zahl der Objekte aus dem jeweiligen Jahrhundert):

21. Jhd. (2)
20. Jhd. (762)
19. Jhd. (2565)
18. Jhd. (4666)
17. Jhd. (3410)
16. Jhd. (959)
15. Jhd. (87)
14. Jhd. (19)

Ohne jetzt einzelne Schutzfristen zu prüfen: Von 12470 Objekten kann man bei der Mehrheit davon ausgehen, dass sie nicht mehr urheberrechtlich geschützt sind. Da das Portal und auch die Digitalisierungen mit öffentlichen Mitteln finanziert wurden und die Werke nicht urheberrechtlich geschützt sind, ist hier (übrigens auch im Sinne der Verbreitung des niedersächsischen Kulturerbes) dringend geboten,

a) die Nutzungsbedingungen anzupassen und
b) eine Downloadmöglichkeit zu schaffen, am Besten für einzelne Objekte und auch für die Sammlung als Ganzes.

Tipp für die Projektbeteiligten: Wenden Sie sich an Open GLAM. Mathias Schindler (Wikimedia) hat auf dem Open-GLAM-Workshop (hierzublog schon einmal erwähnt) einen Vortrag gehalten, in dem er Empfehlungen für GLAMs (Galleries, Libraries, Archives and Museums) gibt.

Seiner Aussage auf der 19 13. Folie kann ich mich nur anschließen: “Betreiben Sie bitte kein Copyfraud“!


Nur gucken, nicht anfassen: Kulturerbe Niedersachsen von CH steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz. blogoscoop
Infobib läuft unter Wordpress.3.0.5 | Theme: angepasst nach : Gabis Wordpress-Templates | Creative Commons Lizenzvertrag 21 Verweise - 0.369 Sekunden.