Infobib

Interessantes aus Informations- und Bibliothekswesen

Jürgen Plieninger hat anlässlich des Dahinsiechens der Google Blogsuche einen lesenswerten Artikel über den Mangel an guten Blogsuchmaschinen geschrieben. Jürgen Fenn schreibt dazu:

Ihre Abschaltung erinnert an das Ende des Google Reader im März 2013 und zeigt erneut das bekannte Muster: Google entwickelt eine Technik als Clouddienst zur Marktreife, besetzt den Markt, weil die Technik gut ist, verdrängt die Wettbewerber, die daneben kaum noch einen Ort finden, zieht sich dann plötzlich aus dem Geschehen zurück und hinterläßt eine Lücke, so daß das Jammern groß ist.

Das kann man gar nicht oft genug wiederholen! Nischendienste haben bei Google einfach keine Priorität. Ich zitiere mal kurz aus diesem Blog:

Wieder einmal ein Beispiel dafür, wie Google eine Dienstleistung innerhalb kürzester Zeit abschaltet.

Google stellt verschiedene APIs um. Manche werden auch eingestellt und teils durch neue APIs ersetzt.

Sollte nun eine Neuauflage eines schon einmal eingestellten Dienstes mein Vertrauen erwecken, dass Google den Dienst diesmal beibehält? Nein, eher nicht. Google (und anderen, ähnlich unzuverlässigen Firmen) sollte man in kostenlosen Diensten nichts anvertrauen, was man eventuell langfristig nutzen will.

Natürlich ist dieses Phänomen nicht nur bei Google anzutreffen. Dort fällt es nur aufgrund der oft großen Verbreitung der Dienste besonders auf.

Der SUMA-EV, Verein für freien Wissenszugang und Betreiber der Suchmaschine metager.de, prämiert mit dem zum siebten Mal ausgeschriebenen SUMA Award in diesem Jahr Projekte, die Schutz vor der Überwachung im Netz bieten.

Edward Snowden und andere haben offengelegt, wie weit die Überwachung unserer Netzkommunikation durch Geheimdienste und globale Konzerne geht.
Was tun nach Snowden?

Aber was jeder Einzelne, was die Zivilgesellschaft tun kann, um private Kommunikation über das Netz wieder herzustellen, ist jedoch nach wie vor für viele eine offene Frage.

Der SUMA Award ist mit 2.500 Euro dotiert und wird jährlich von einer Fachjury vergeben. In diesem Jahr wird der SUMA-EV Projekte auszeichnen, die dazu beitragen, dass Internetbenutzer ein Stück mehr Datenschutz und Privatsphäre zurückerobern können.
Jetzt Projekte vorschlagen

Jeder kann ein Projekt vorschlagen: sowohl diejenigen, die an dem Projekt arbeiten, als auch Dritte, die es für preiswürdig halten. Formale Auflagen für einzureichende Projekte gibt es nicht.

Gegenstand des Projektes kann über den Datenaustausch im Internet hinaus die Vertraulichkeit elektronischer Kommunikation sein. Dabei kann es sich um eine konkrete Anwendung oder ein Produkt handeln, um die Beschreibung einer Verfahrens- oder Verhaltensweise oder um einen neuen, noch nicht realisierten Ansatz, der mehr Schutz der Privatsphäre verspricht.

Bis zum 31. Oktober 2014 kann die Einreichung formlos per Mail erfolgen. Weitere Details auf suma-awards.de.

Christian Heise wirbt um Teilnahme an einer (flott erledigten) Umfrage im Rahmen seiner “offenen Doktorarbeit“:

In dieser Befragung für mein Promotionsvorhaben beschäftige ich mich mit dem Themenbereich der wissenschaftlichen Kommunikation. Es soll erhoben werden, ob und welche Veränderungen beim Zugang zu wissenschaftlichen Informationen und Zugriff auf wissenschaftliche Daten im Rahmen der Digitalisierung zu erwarten sind.

Die Beantwortung der Fragen sollte nicht länger als 10 Minuten dauern und ist auch auf mobilen Endgeräten möglich.

Die Angaben werden selbstverständlich nur in anonymisierter Form gespeichert. Für Rückfragen zum Projekt können stehe ich jederzeit unter heise@leuphana.de zur Verfügung.

Die Umfrage kann unter: http://umfrage.offene-doktorarbeit.de/ gestartet werden.

Ich danke für die Unterstützung und würde mich über die Verteilung der Umfrage unter wissenschaftlichen Kollegen und/oder Bekannten freuen!

Laut Urteil des Arbeitsgerichts Gießen sind könnten befristete Arbeitsverträge an Hochschulen unwirksam sein, wenn es sich um Beschäftigungen in landesfinanzierten Projekten handelt. Aus der Zeit:

Wissenschaftliche Mitarbeiter an Hochschulen können auf eine unbefristete Anstellung hoffen, wenn sie im Rahmen eines Landesprojekts angestellt sind. Das urteilt das Arbeitsgericht Gießen und gab am Freitag einem Mitarbeiter recht, der an der Universität Gießen über zehn Jahre insgesamt 16 befristete Verträge erhalten hatte.

Die letzte Befristung sei ungültig, weil diese zu einem LOEWE-Projekt des Landes Hessen gehörte. Das Wenn das Geld vom Land Hessen komme, seien es keine Drittmittel, die eine Befristung des Vertrags rechtfertigten, argumentierten die Richter.

Es ist nur zu hoffen, dass dieses Urteil durch die Instanzen besteht und eine unbefristete Stelle an der Hochschule wieder ein realistisches Ziel wird. Das Wissen, das bei der ständigen Fluktuation der Mitarbeiter verloren geht oder gar nicht erst entsteht, täte vielen Hochschulen und somit sowohl der Wissenschaft als auch der Ausbildung der Studierenden sehr gut. Die Energieverluste durch das ständige Einarbeiten in neue Zusammenhänge oder Arbeitsplätze, durch Hoffen und Bangen um den nächsten Projektantrag sind so enorm, dass man sich oft nur wundern kann, dass in Deutschland überhaupt noch Wissenschaft stattfinden kann.

Auch wenn manch ängstlich auf sein Budget schielender Personaler nun Muffensausen bekommt: Dieses Urteil ist eine Chance für die deutsche Hochschullandschaft.

In der Studie “Democratising the Rijksmuseum : Why did the Rijksmuseum make available their highest quality material without restrictions, and what are the results?” (PDF) beschreibt Joris Pekel (Europeana), was die Vorteile der Public-Domain-Politik aus Sicht des Rijksmuseums sind.

This case study of the Rijksmuseum shows that an institution can benefit greatly by making its digitised collection openly available to the public and in applying the correct rights label to their material. It also shows that these decisions are not made overnight. The Rijksmuseum had to carefully discuss the different steps that have led to making all of the high resolution images available for everyone. They have made sure that they only publish material that is 100% out of copyright and communicate this extensively to the public. What greatly benefited the museum is that other people started making new creative works with the material and therefore promoting the museum on a larger scale than they had ever been able to do themselves.
Releasing the material has resulted in an incredible amount of goodwill from the public and creative industries. Combined with the enormous exposure, reputational benefits and the ability to enter more cost-effective sponsor programs greatly outweighed the reduced images sales for the museum. Employees of the Rijksmuseum concluded during the interview that they are extremely satisfied with the result of their move towards opening up their collection to the public. The process has been exciting and to some extent a bit frightening for them, but when asked if they would do it again they replied: ’Yes, but a lot faster’

Hervorhebungen von mir.

Im Text werden auch natürlich vorhandene und ernstzunehmende Hürden angesprochen.

Laut Ian Johnson, u.a. Herausgeber der Global Studies in Libraries and Information, wurden an der Universität von Mossul verschiedene Fachbereiche von ISIS geschlossen. Neben (unter anderem) den Archäologen sei auch das Department of Librarianship and Information Studies betroffen. Wie die Situation der Archive, Bibliotheken und Museen in Mossul aussehe, sei nicht bekannt. Die Zeit berichtet dazu:

Der Sitz des syrisch-katholischen Bischofs ging in Flammen auf – die gesamte Einrichtung, Bibliothek und wertvolle Handschriften verbrannten. Am Montag besetzten die Islamisten das bekannte Kloster Sankt Behnam in dem 30 Kilometer entfernten Städtchen Qaraqosh.

Weitere Infos in Ian Johnsons Mail in der Liste IFLA-l.

Siehe auch Archivalia.

Melanie schreibt in ihrem Blog:

Gute Idee, zur Nutzerwunschforschung, eine “Nein-Antwort”-Liste an der Bibliothekstheke zu führen, in der notiert wird, welche (An-)Fragen von Nutzern mit Formen von “Nein” beantwortet werden mussten (Einige der dort gelisteten Punkte lesen sich so bekannt #mitKarte #Raumfrei).

Die (gute) Idee hat sie vom Swiss Army Librarian, der nebenbei auf OCLCs “Top reasons for no” in der Fernleihe verweist.

Im Journal of Medical Internet Research entwerfen Adam G. Dunn, Enrico Coiera und Kenneth D. Mandl ein Szenario, im dem das wissenschaftliche Publikationswesen dasselbe Schickal erleidet wie andere Branchen der inhaltevertreibenden Industrien: die Kunden organisieren sich ihren eigenen illegalen Zugang.

Is Biblioleaks Inevitable? – Journal of Medical Internet Research. Apr 2014; 16(4): e112.
http://dx.doi.org/10.2196%2Fjmir.3331

Abstract:

In 2014, the vast majority of published biomedical research is still hidden behind paywalls rather than open access. For more than a decade, similar restrictions over other digitally available content have engendered illegal activity. Music file sharing became rampant in the late 1990s as communities formed around new ways to share. The frequency and scale of cyber-attacks against commercial and government interests has increased dramatically. Massive troves of classified government documents have become public through the actions of a few. Yet we have not seen significant growth in the illegal sharing of peer-reviewed academic articles. Should we truly expect that biomedical publishing is somehow at less risk than other content-generating industries? What of the larger threat—a “Biblioleaks” event—a database breach and public leak of the substantial archives of biomedical literature? As the expectation that all research should be available to everyone becomes the norm for a younger generation of researchers and the broader community, the motivations for such a leak are likely to grow. We explore the feasibility and consequences of a Biblioleaks event for researchers, journals, publishers, and the broader communities of doctors and the patients they serve.

Ich halte das Szenario einer massenhaften Veröffentlichung – wie die Autoren – für wenig wahrscheinlich. Vor allem, da die meisten Wissenschaftler, die Interesse an so etwas hätten, ein gewaltiges Karriererisiko eingehen würden. Und die wenigsten dieser Wissenschaftler schuften jahrelang, um sich dann massive Klagen einzuhandeln, solange es Alternativen wie die Fernleihe gibt. Die ist zwar etwas langsamer als ein sofortiger Download, aber eindeutig geeigneter für risiko-averse Wissenschaftler.

Via Pubmed Central ist der Text des Artikels auch frei verfügbar.

Jeremy Scahill und Ryan Devereaux berichten auf The Intercept über das “Secret Government Rulebook For Labeling You a Terrorist“. Darin sind Kriterien festgelegt, nach denen “Terroristen” als eben solche deklariert werden. Konkrete Beweise seien dazu allerdings nicht erforderlich. Zwecks Verleihung des Terroristenstatus wird auf allerlei Informationen zurückgegriffen. Fingerabdrücke, Waffenscheine, “any cards with an electronic strip on it (hotel cards, grocery cards, gift cards, frequent flyer cards)”, Telefone, Social-Media-Accounts, einfach alles. Wirklich alles? Ja, alles:

Screeners are also instructed to collect data on any “pocket litter,” scuba gear, EZ Passes, library cards, and the titles of any books, along with information about their condition—”e.g., new, dog-eared, annotated, unopened.” Business cards and conference materials are also targeted, as well as “anything with an account number” and information about any gold or jewelry worn by the watchlisted individual. Even “animal information”—details about pets from veterinarians or tracking chips—is requested. The rulebook also encourages the collection of biometric or biographical data about the travel partners of watchlisted individuals.

Auch Bibliotheksausweise. Ich konnte die entsprechende Stelle im Original-Dokument “Watchlisting guidance” (PDF) vom März 2013 mangels OCR allerdings leider nicht ausfindig machen. Gibt es noch weitere bibliotheksrelevante Stellen? Und wer kümmert sich eigentlich um die Langzeitverfügbarkeit dieser Dokumente und ihre Verzeichnung in Katalogen?


USA sammelt Bibliotheksausweise. Und alles andere. von CH steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz. blogoscoop
Infobib läuft unter Wordpress.3.0.5 | Theme: angepasst nach : Gabis Wordpress-Templates | Creative Commons Lizenzvertrag 23 Verweise - 0.285 Sekunden.