Weblogs in Wissenschaft und Bildung

Für Blogger selbst liegt der Nutzen von Blogs eindeutig auf der Hand, für den Rest der Welt oftmals nicht. Zumindest verfestigt sich dieser Eindruck bei jedem Gespräch mit Wissenschaftlern oder Studenten ‘außerhalb der Blogosphäre’. In der Tat ist es nicht einfach, den einen, speziellen, alles überragenden Nutzen von Blogs zu definieren. Zu vielfältig sind die Blogs, zu unterschiedlich die Zielgruppen und Intentionen, für die und mit denen Blogs eingerichtet werden.

Noch 2004 mussten Williams und Jacobs 1)Williams, Jeremy ; Jacobs, Joanne: Exploring the use of blogs as learning spaces in the higher education sector. Australian Journal of Educational Technology. 2004, 20(2), 232-247, PDF feststellen:

Surprisingly, there is not a lot of refereed published material on the subject of blogs in general, let alone work that focuses specifically on blogs in education. Combined searches on ProQuest, EBSCO and Gale yielded only 30 results in peer reviewed scholarly journals, and the bulk of these are focusing on the influence of blogging on journalism and reporting.

Dies hat sich grundlegend gewandelt. Die Fachliteratur über den Nutzung und Einfluß auf Blogs im akademischen Bereich würde inzwischen Regalmeter einnehmen. Wenn sie gedruckt vorläge. Die wissenschaftlichen Blogs würden ausgedruckt noch weitaus mehr Raum einnehmen. Dies finde ich tatsächlich bemerkenswert, weil nicht jedes massiv untersuchte Thema auch wirklich breitenwirksame Relevanz hat. Siehe Second Life.

Zurück zum Thema: J. Bradford Delong schrieb 2006 im Chronicle of Higher Education seine euphorische Sicht auf akademisches Bloggen nieder:

The hope of all of us who blog is that we will become smarter, do more useful work, be happier and more productive, and will also impress our deans so they will raise our salaries. The first three hopes are clearly true: Academics who blog think more profound thoughts, have a bigger influence on the world — both the academic and the broader worlds — and are happier for it. Are we more productive in an academic sense? Maybe. We will see when things settle down.

Und schon im nächsten Satz stellt er fest: Are our deans impressed? Not so far, but they should be. Und genau da liegt der Knackpunkt für viele Lehrende und Lernende: Was habe ich eigentlich vom Bloggen? Bei Berufungsverhandlungen wird wohl mehr auf konventionelle Verlagsveröffentlichungen geachtet als auf rege diskursive Tätigkeit in elektronischen Medien. Dies zu vermuten liegt auf jeden Fall nahe, wenn man sich die Skepsis vieler Wissenschaftler gegenüber weitaus offizieller wirkenden Dokumentenservern ansieht.

Der gemeine Akademiker reagiert also verhalten auf den vermeintlichen Hype. Zu seinem eigenen Schaden, möchte ich meinen. Wie können Forschende und/oder Lehrende Blogs denn einsetzen? Eine unvollständige Aufzählung:

Lehre

  1. Kommunikation mit Studierenden. Die Nähe bloggender Dozenten zu ihren Studierenden erhöht sich enorm. Über die Kommentarfunktion ist ein Feedback möglich. Auch ein anonymes, was einen kritischen Austausch durchaus befördern kann.
  2. Veranstaltungsorganisation. Termine, Skripte, Raumverlegungen …
  3. Inhaltliche Vertiefung der Lehrveranstaltung, des Unterrichts.. Entgegen anderslautender Gerüchte gibt es durchaus Studierende und Schüler, die daran interessiert sind, sich genauer mit dem Gelernten und angrenzenden Wissensgebieten zu beschäftigen. Durch Links, Slides etc. können Lehrende prächtig füttern.

Forschung

  1. Kommunikation mit Kollegen. Dies ist vermutlich der Hauptbeweggrund für die, die mit dem Bloggen beginnen. In der deutschsprachigen Biblioblogosphäre kann man auch sehr gut erkennen, wie gut das funktioniert.
  2. Persönliche Wissensorganisation. Ein nicht zu unterschätzender Punkt. Vieles, über das man bloggt, gerät zwar schnell wieder in den Hintergrund, aber man hat sich schon einmal damit beschäftigt, und der Artikel ist nur ein paar Mausklicks entfernt. Viele Blogs mit diesem Schwerpunkt erwecken den Anschein, nur kommentierte Linksammlungen zu sein.
  3. Austausch mit Fachfremden.. Wenn man nicht nur im eigenen Saft schmoren möchte.
  4. Gedankliche Spielwiese.. Bevor man einen Artikel für ein Journal schreibt, mit umfangreicher Literaturliste, mit der gesamten Vorbereitungszeit, der ganzen Fleißarbeit, die so etwas erfordert, ist es sicherlich bequemer, Gedanken zu einem Thema einfach mal runter zu schreiben. Niemand erwartet formale oder inhaltliche Vollkommenheit von einem Blogposting.

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References   [ + ]

1. Williams, Jeremy ; Jacobs, Joanne: Exploring the use of blogs as learning spaces in the higher education sector. Australian Journal of Educational Technology. 2004, 20(2), 232-247, PDF