Der letzte Wille des Kreativen Kafka

Willenloser Kafka?

Marcel Weiss machte sich Gedanken über Franz Kafka, die Rechte des Urhebers und geistiges Besitztum. Konkret geht es ihm unter anderem darum, dass Roland Reuß im Heidelberger Appell forderte, es müsse allen Kreativen freigestellt bleiben, ob und wo ihre Werke veröffentlicht werden sollen. 1) http://www.textkritik.de/urheberrecht/index.htm

Reuß ist Experte für Franz Kafkas Werke und hat unter anderem die „Historisch-kritische Franz Kafka-Ausgabe“ und diverse Sekundärliteratur zu Kafka veröffentlicht.

Roland Reuß, der wohl ebenso wie jeder andere den gesellschaftlichen Gewinn darin erkennen kann, dass Max Brod sich dem Willen Kafkas widersetzte, findet es schlecht, dass Max Brod sich dem Willen Kafkas widersetzte.

Zur Erinnerung zwei letzte Briefe von Kafka an Max Brod:

Alles, was sich in meinem Nachlass (also im Buchkasten, Wäscheschrank, Schreibtisch, zu Hause und im Büro, oder wohin sonstirgendetwas vertragen worden sein sollte und dir auffällt) an Tagebüchern, Manuskripten, Briefen, fremden und eignen, Gezeichnetem und so weiter findet, restlos und ungelesen zu verbrennen, ebenso alles Geschriebene oder Gezeichnete, das du oder andre, die du in meinem Namen darum bitten sollst, haben. Briefe, die man dir nicht übergeben will, soll man wenigstens selbst zu verbrennen sich verpflichten.

Von allem, was ich geschrieben habe, gelten nur die Bücher: Urteil, Heizer, Verwandlung, Strafkolonie, Landarzt und die Erzählung: Hungerkünstler. (Die paar Exemplare der “Betrachtung” mögen bleiben, ich will niemandem die Mühe des Einstampfens machen, aber neu gedruckt darf nichts daraus werden). Wenn ich sage, dass jene fünf Bücher und die Erzählung gelten, so meine ich damit nicht, dass ich den Wunsch habe, sie mögen neu gedruckt und künftigen Zeiten überliefert werden, im Gegenteil, sollten sie ganz verlorengehn, entspricht dieses meinem eigentlichen Wunsch. Nur hindere ich, da sie schon einmal da sind, niemanden daran, sie zu erhalten, wenn er dazu Lust hat.

Dagegen ist alles, was sonst an Geschriebenem von mir vorliegt (in Zeitschriften Gedrucktes, im Manuskript oder in Briefen) ausnahmslos, soweit es erreichbar oder durch Bitten von den Adressaten zu erhalten ist (die meisten Adressaten kennst du ja, in der Hauptsache handelt es sich um …, vergiss besonders nicht paar Hefte, die … hat) – alles dieses ist ausnahmslos, am liebsten ungelesen (doch wehre ich dir nicht hineinzuschaun, am liebsten wäre es mir allerdings, wenn du es nicht tust, jedenfalls aber darf niemand andrer hineinschauen) – alles dieses ist ausnahmslos zu verbrennen, und dies möglichst bald zu tun bitte ich dich

Max Brod hat den Willen des Kreativen ignoriert. Ebenso wie Roland Reuß, der dies mit der “Historisch-kritische Ausgabe sämtlicher Handschriften, Drucke und Typoskripte” sogar vorsätzlich und systematisch angegangen ist.

Dazu Marcel Weiss:

Die Frage, die wir uns als Gesellschaft stellen müssen, ist die, ob der Kompromiss zwischen den Rechten der Urheber und den Rechten der Gesellschaft, um bestmöglichen Fortschritt in allen kulturellen Bereichen sicherzustellen, heute noch gewahrt ist.

Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir allerdings erst einmal realisieren, dass wir über einen gesellschaftlichen Kompromiss reden.

References   [ + ]

3 Gedanken zu „Der letzte Wille des Kreativen Kafka“

  1. Der Fall Kafka/Brod ist in vielfacher Hinsicht vertrackt. Auch psychologisch: Warum hat Kafka nicht selbst alles verbrannt, sondern Brod anvertraut? Da liegt doch die Vermutung nahe, er habe – bewußt oder unbewußt – gehofft, daß Brod den letzten Willen ignorieren würde. Im nachhinein könnte man das sogar als genialen Marketing-Schachzug interpretieren, dessen Erfolg sich darin zeigt, daß noch heute über Kafka, seine Werke und den komplexen Zusammenhang von Autorwillen, Bedeutung des Werk und die moralische Funktion (oder Dysfunktion) des Urheberrechts diskutiert wird.

    Wahrscheinlich gibt’s dazu schon reichlich kluge Untersuchungen, die mir aber bislang nicht bekannt sind.

  2. Gegen das Urheberrecht und den letzten Willen mit posthumen psychologischen Gutachten zu argumentieren, ist eine recht wacklige Angelegenheit. Und ob Kafka eine Urheberrechtsdebatte im Jahre 2010 anstoßen wollte, halte ich auch für fragwürdig. Im Ergebnis kann ich damit jedoch nur einverstanden sein.

    PS: Dies hier ist übrigens hoffentlich die wirklich allerletzte Erwähnung des Heidelberger Appells hier bei Infobib. Zumindest meinerseits. Wenn die Wogen nicht mal wieder hochschaukeln.

  3. Als sein bester Freund und hat er meiner Meinung nach richtig gehandelt. Er kannte ihn wahrscheinlich wie kein anderer, hat er ihn doch sogar dazu bewogen mit dem Schreiben der Tagebücher zu beginnen. Sicher, eine sich selbst auferlegte sittliche Verpflichtung der Welt gegenüber zur Veröffentlichung der Werke rechtfertigt noch lange nicht die Nichtanerkennung oder den Nichtvollzug seiner Pflicht als Nachlassverwalter. Richtig oder falsch, wer will das verurteilen?

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