Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit – neue Terms of Service für Researchgate

Alte ToS, neue ToS. Was hat sich geändert? Ich habe weder Zeit, Lust oder Willenskraft, mich durch die gesamten ToS durchzuarbeiten. Neu scheint der Punkt “User Obligations” zu sein. Dort sind die Pflichten(!) der Researchgate-Nutzer festgelegt. Laut neuer ToS sind nur Realnamen erlaubt, auch keine Künstlernamen  selbst, wenn man unter ihnen publiziert haben sollte? Als ein Beispiel sei hier dieses unter dem Pseudonym Neuroskeptic veröffentliche Paper 1) Skeptic, N. (2012) The Nine Circles of Scientific Hell Perspectives on Psychological Science 7 (6) 643-644 in Perspectives of Psychological Science genannt. Die Geschichte bietet weitaus mehr, wie laut Simon Oxenham in einem leider hinter einer Paywall versteckten weiteren Artikel von Neuroskeptic zu lesen sein soll:

“Nicolaus Copernicus who first put forward his theory of heliocentrism anonymously, in the form of a manuscript now known as the Commentariolus” to the famous “Student” – creator of the t-test, whose real name was William Sealy Gosset. A list of scientists and mathematicians who have published under pseudonyms can be found here, which includes: Isaac Newton as Jehovah Sanctus Unus, Felix Hausdorff as Paul Mongré and Sophie Germain as Monsieur Antoine Auguste Le Blanc. The last is an example of a woman writing as a man in order to be taken seriously by mathematicians.

Weiterhin habe Donald Knuth ein Paper unter dem Namen Ursula N. Owens eingereicht, um ein ordentliches Review zu bekommen.

Die Verpflichtungen des Researchgate-Nutzers geht jedoch noch weiter:

You warrant and represent that all Personal Information you provide is accurate and complete. You are obliged to update such data when it changes. If you choose to use a profile photo, you must use a photo where you can be clearly identified; images of other people, animals, text, and logos are not permitted. This again is essential for the credibility of the researchers using the Service and is in the best interest of the world of science.

Was heißt akkurat und komplett? Wie schnell muss man seiner Verpflichtung zur Aktualisierung geänderter Informationen nachkommen? Raus aus dem Standesamt, dann gleich einloggen? Diese Formulierungen sind m.E. zu unscharf. Und was ist, wenn ich bestimmte Angaben nicht treffen möchte, kann oder darf? Auch die Fotos, auf denen man klar identifizierbar sein soll, entsprechen nur zum Teil den Wünschen der Community, möchte ich meinen. All diese Maßnahmen sind im besten Interesse der Welt der Wissenschaft, wie wir lesen dürfen. Diese Welt wird hier und heute repräsentiert durch Researchgate.

 

References   [ + ]

1. Skeptic, N. (2012) The Nine Circles of Scientific Hell Perspectives on Psychological Science 7 (6) 643-644

#DeleteAcademiaEdu und die Geschäftsmodelle

Academia.edu ist mächtig unter Beschuss, weil dort für eine käuflich zu erwerbende verbesserte Position in den seiteneigenen Artikelempfehlungen geworben wurde. Die akademische Gemeinschaft griff zu Heugabeln, Fackeln und Hashtags und ließ ihrem Unmut freien Lauf. Der Ursprung der Debatte ist im Chronicle of Higher Education zusammengefasst. Das Promotions-Angebot wurde per Mail an Scott F. Johnson herangetragen, der sich darüber öffentlich echauffierte.

Mr. Johnson, who has publicized seven books and almost two dozen articles and book reviews on Academia.edu, said he would never pay for his work to be recommended by the website, and he doesn’t believe many other scholars in the humanities would either.

Das kann man wohl so stehen lassen.

Dieses Promotionsangebot wirft für Academia.edu, ResearchGate, Mendeley und ähnliche Dienste eine Frage auf, nämlich die nach dem Geschäftsmodell. Wer bezahlt die schicke ResearchGate-Seite? Ich habe da aus beruflichen Gründen ein Profil, ebenso wie ich mal eines bei Academia.edu oder Mendeley hatte. Ich bezahle dort nichts, was ich auch nicht ändern werde. Nennenswerte Reichweite erziele ich durch ResearchGate nicht. Die Mails, das “mein Research im Fokus” sei und letzte Woche sensationelle 20 Leser angezogen hat, finde ich im Gegenteil eher erheiternd. Wenn AutorInnen nichts bezahlen, wer dann? Werbung ist mir dort nie unangenehm aufgefallen. Die paar Stellenanzeigen finanzieren vermutlich auch keinen Mitarbeiterstab von (laut Hoppenstedt) 120 Personen. Verfolgen diese Dienste also alle das Mendeley-Ziel, von großen Playern geschluckt zu werden? Thomson Reuters hat noch kein Wissenschaftsnetzwerk.

Academia.edu versuchte also, Geld über Promotionsangebote zu verdienen. Versuchte, Vergangenheitsform, weil das Angebot längst wieder eingestampft wurde. Die Aufregung darüber kann ich allerdings nicht verstehen. Wer Academia.edu (ResearchGate etc.) für einen Teil der offenen Wissenschaftscommunity hält, wird noch die eine oder andere Enttäuschung erleben müssen. Das sind Firmen, die müssen Geld verdienen. Das ist nichts Verwerfliches. Um eine offene und nachhaltige wissenschaftliche Infrastruktur zu schaffen, sind aber wissenschaftliche Institutionen gefordert, die dies selbst in die Hand nehmen müssen. Gerne mit Firmen als Dienstleistern.

PS: Kritik zu Academia.edu findet sich auch in Archivalia und auf Twitter unter dem oben schon verlinkten #DeleteAcademiaEdu. Die Kritik an diesen Diensten ist übrigens nicht gerade neu.

Investorengeld für ResearchGate

ResearchGate, eines der führenden sozialen Netzwerke für Wissenschaftler, konnte sich zum zweiten Mal Gelder einer illustren Investorenrunde sichern. […]

Mit dem Geld sollen vor allem neue Features in das Netzwerk implementiert werden. Im Mittelpunkt stehen dabei Verfahren zur Messung wissenschaftlicher Reputation auf der Basis qualitativen Feedbacks, zusätzlich sollen Funktionen zum Austausch wissenschaftlicher Informationen ausgebaut werden.

[via Heise]