Raus aus der Bibliothek: Die Stippvisite

“You’ve got to get out of the library!”

So sprach Indiana Jones im “Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels”, genauer gesagt in der englischen Originalfassung. Das ist weder in Action-Archäologen noch in Bibliothekskreisen eine besonders originelle These; sie wurde auch schon auf Konferenzen und natürlich in verschiedenen Blogs immer mal wieder geäußert. Wer als Bibliothekswesen in der Bibliothek bleibt, hat dort zwar seine Ruhe, in Zukunft aber keine Arbeit mehr. Da ich die Gründe für Exkursionen in die nichtbibliothekarische Welt nicht noch einmal von vorne aufrollen möchte, hier ein Hinweis auf eine kurze Zusammenfassung von Karen Marie: Communities of practice in the library world (PDF). Oder, um vom Kristallschädelsammler zur Dämonenjägerin zu springen:

Fassen wir zusammen: Wer sich im Büro versteckt, hat keine Zukunft. Wie gelangt man also heraus? Ein Instrument, dass ich recht erfolgreich einsetze, ist die Stippvisite oder Visitenkarte. Idealisierter Ablaufplan:

  1. Kontaktaufnahme mit ProfessorIn
  2. Anfrage wegen eines kurzen Besuchs in einer Lehrveranstaltung
  3. Durchführung eben jenes Besuchs

In der Praxis sieht das meistens so aus, dass ein bestehender Kontakt eines Bibliothekswesens zu einer ProfessorIn genutzt wird, um einen Kurzbesuch in einer Veranstaltung zu vereinbaren. Dies können Labore, Seminare sein, aber auch größere Vorlesungen. Was auch immer gerade ansteht. Versprochen wird, den ProfessorInnen nicht mehr als 3-4 Minuten ihrer kostbaren Vorlesungszeit zu rauben.

In der Veranstaltung stelle ich kurz mich und meine Rolle in der Bibliothek vor und mache dann “ein Angebot, dass Sie [die Studierenden] zwar ablehnen können, aber nicht sollten”. Ich biete Ihnen an, Zeit sparende Methoden in der Literaturrecherche und -verwaltung bei mir erlernen zu können. Dann wird ein kleiner Stapel mit Visitenkarten ausgelegt. Die Studierenden sollen sich selbst in Gruppen von ca. 10-15 Mitgliedern sammeln und mit mir individuell Termine außerhalb der Lehrveranstaltungen vereinbaren.

Das hat zweierlei Vorteile:

  1. Ich nehme keine weitere Vorlesungszeit in Anspruch. Ich störe die Vorlesung nicht weiter, was dazu führt, dass ich mit erhöhter Wahrscheinlichkeit noch einmal eingeladen werde.
  2. Die Lerngruppen, die sich schließlich bei mir einfinden, haben sich selbst dazu entschlossen, etwas zu lernen. Die eigenverantwortliche Organisation führt zu deutlich höherer Motivation und Konzentration in den Veranstaltungen.

Oft ist die erste Veranstaltung eine “Einführung in die Fachrecherche” für ein bestimmtes Fachgebiet, z.B. Elektrotechnik. Am Ende der Veranstaltung (die jeweils in 90 Minuten eine kurze Einführung in die Recherche liefern sollen) wird dann die jeweils andere Veranstaltung (z.B. “Literaturverwaltung mit Citavi”) beworben. Die Quote der Folgeveranstaltungsteilnehmer ist recht hoch. Ohne gezählt zu haben gehe ich von deutlich mehr als 50% aus. Gefühlt sind es etwa 80%. Von den bei der Stippvisite Angesprochenen finden im Schnitt etwa die Hälfte den Weg in die Citavi- oder Fachrecherche-Schulung. Alle Angaben ohne Gewähr!

Wichtig ist natürlich, nach erfolgreicher Veranstaltung den einladenden ProfessorInnen Rückmeldung zu geben, um in zukünftigen Semestern wieder Berücksichtigung zu finden.

11 Gedanken zu „Raus aus der Bibliothek: Die Stippvisite“

  1. Sehr schön. Danke für die Darstellung deiner erfolgreichen Strategie.
    Das ist doch auch eine hervorragende Gelegenheit, um den NachwuchswissenschaftlerInnen (unter denen, die freiwillig an einer solchen Fortbildungsveranstaltung teilnehmen sind bestimmt einige spätere Doktoranden) die Open-Access-Publikation ihrer Studienergebnisse nahezulegen. Machst du das auch in diesem Rahmen oder gehst du dafür in Doktorandenkolloquien?

  2. An FHs wird recht wenig promoviert. Wer hier promoviert, gerät jedoch fast zwangsläufig irgendwann an mich. Dabei wird dann natürlich immer auf unseren Dokumentenserver verwiesen. Aber auch in anderen Veranstaltungen weise ich immer auf die Möglichkeit hin. Ans Ende jeder Citavi-Veranstaltung z.B. packe ich einen obligatorischen Werbeblock à la “Und wenn Sie eine schriftliche Arbeit geschrieben haben – und ich gehe davon aus, dass es sich dabei um eine hervorragende Arbeit handelt – können Sie diese auf unserem Dokumentenserver usw. usf.”. Wer einmal in meine Klauen gerät, darf nicht behaupten, davon nie gehört zu haben.

    Kurz gefasst: Ich bewerbe den OA-Server in Infokompetenzschulungen und umgekehrt. In der OA-Woche z.B. habe ich auf Citavi-Schulungen verwiesen.

    Ich habe meine Stippvisiten übrigens in der Hoffnung dokumentiert, dass auch andere Ihre Öffentlichkeitsarbeits- und Vernetzungsstrategien öffentlich dokumentieren. Dazu gibt es viel zu wenig Austausch. Und die “Fachpresse” bleibt meist bei praxisfernen Theoriegebäuden.

  3. So ein Unsinn! Wenn mir jemand sagt, W A N N ich das machen kann, könnte ich das auch probieren. Aber man hat ja auch so ein bißchen was zu tun, statt als Bibliotheksärztin auf Stippvisite zu gehen.

    Wenn so wie so nur Freiwillige mitmachen sollen, reicht auch ein Aushang oder eine Ankündigung auf der Webseite der Bibliothek oder Fakultät.

    1. Ich wiederhole gerne die Zeitangabe für die oben erklärten Stippvisiten noch einmal: nicht mehr als 3-4 Minuten. Wenn Sie diese Zeit für Ihre Nutzer nicht haben, frage ich mich, für wen Sie vorgeben zu arbeiten.

    2. andere in “Medizinbibliotheken” arbeitende KollegInnen sehen das – zu Recht – ein wenig anders…
      vgl. u.a. gms | GMS Medizin — Bibliothek — Information. | Service vor Ort – Die Bibliothek geht zum Nutzer
      Diese “Hausbesuche” werden afaik nicht nur in Mannheim angeboten…
      Aushänge bzw. “Ankündigung auf der Webseite der Bibliothek” sind natürlich ein tolle Idee, besonders seit man weiss, dass sowohl Ärzte/Wissenschaftler als auch StudentInnen im Internet fast nur auf Bibliothekswebseiten herumsurfen, um sich dort nach heißen News umzuschauen. Einige wenige Exoten darunter nutzen allerdings Facebook, YouTube und andere Ablenkung- und auch Weiterbildungssmöglichkeiten.

  4. Also die ersten Erfahrungen aus Mannheim sind sehr positiv: der Aufwand wird nach und nach routinierter und übersichtlicher; positives Feedback von den Teilnehmern; Kombination aus Vorstellung der für die Nutzergruppe relevanten Dienstleistungen und Recherchetraining sehr geeignet: damit werden Elemente der Auskunft, Öffentlichkeitsarbeit und Vermittlung von Informationskompetenz abgedeckt – also, alles was sowieso gemacht wird. Zudem lernen Sie den Arbeitsalltag der verschiedenen Nutzergruppen besser kennen und können dadurch besser auf die Bedürfnisse eingehen und geben der Bibliothek zudem ein Gesicht.

    1. Besten Dank für die Rückmeldung! Betreiben Sie diese Art der Öffentlichkeitsarbeit schon länger oder haben Sie gerade damit begonnen?

      PS: Sie haben übrigens eine sehr hübsche Schulungsseite! Besonders die Möglichkeit zur Anmeldung direkt auf der Seite ist sehr nett gemacht.

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