Eugene Garfield (1925 – 2017)

Eugene Garfield, Mitbegründer der Bibliometrie und zweifelsohne eine der einflussreichsten Persönlichkeiten der Informationswissenschaft des 21. Jahrhunderts, verstarb am 26. Februar. In der von ihm gegründeten Zeitschrift The Scientist wurde ein ausführlicher Nachruf veröffentlicht.

Die Verwendung des von ihm entwickelten Impact Factors zur Evaluation von Forschungsoutput sah er äußerst kritisch. Um ihn selbst zu zitieren: 1) Garfield, Eugene (2006): The History and Meaning of the Journal Impact Factor. In: JAMA 295 (1), S. 90–93.(PDF)

The use of journal impacts in evaluating individuals has its inherent dangers. In an ideal world, evaluators would read each article and make personal judgments.

References   [ + ]

1. Garfield, Eugene (2006): The History and Meaning of the Journal Impact Factor. In: JAMA 295 (1), S. 90–93.(PDF)

Wie wichtig ist Reputation bei der Journal-Wahl?

What factors are important to you when selecting a journal to publish in?

Dies war eine von vielen SOAP-Fragestellungen. Unter anderem wurde direkt gefragt, wie wichtig das Prestige eines Journals für die Entscheidung sei, in welchem Journal man publizieren möchte.

Prestige important?
Extremely important 17633
Important 16041
Less important 1976
Irrelevant 236
NA 7147
Summe 43033

Ein Vergleich aller Antworten sieht folgendermaßen aus:

Etwas übersichtlicher ist folgende Darstellung, für die ich die Antworten in zwei Kategorien unterteilt habe: “extremely important” und “important” in eine Kategorie, “less important” und “irrelevant” in eine weitere. Da die Zahl derer. die die Fragen nicht beantwortet haben, lag immer in einem recht ähnlichen Bereich (min. 7219, max. 7711) und wurde daher aus Gründen der Übersichtlichkeit weggelassen:

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Prestige ist Publizierenden offensichtlich äußerst wichtig. Auch der hohe Stellenwert des Impact Factors deutet darauf hin.

Ein paar Wahrheiten über den Impact Factor

Im einem Posting über den Impact Factor fragt Frances Scientist: Who are you bullshitting?

Ein paar Zitate:

The impact factor frenzy has generated a class system in science where publication in a journal with the glossiest cover page has become the ultimate goal of the scientist.

The impact factor sickness has not only caught the scientists, it has also affected the morale of major hard-core science journals

Impact factor is a crutch that is most often used by impotent, unimaginative and incompetent committees in the academic institutions for recruitment, promotions, and fiscal matters.

Der ganze Artikel ist höchst lesenswert, also nichts wie hin!

Ebenfalls zum Thema: Show me the data von Mike Rossner, Heather Van Epps und Emma Hill.

It became clear that Thomson Scientific could not or (for some as yet unexplained reason) would not sell us the data used to calculate their published impact factor. If an author is unable to produce original data to verify a figure in one of our papers, we revoke the acceptance of the paper. We hope this account will convince some scientists and funding organizations to revoke their acceptance of impact factors as an accurate representation of the quality—or impact—of a paper published in a given journal.

[beide Hinweise via @lambo]

Kritik der Informationswissenschaft I + II von Willi Bredemeier

Die beiden Kritiken der Informationswissenschaft (Teil 1, Teil 2) von Willi Bredemeier wurden schon von Ben Kaden (direkt zum PDF) und Jakob Voss aufgegriffen und ihrerseits kritisiert.

Ben Kaden 1) Wenn ich Ben Kaden hier zitiere, meine ich immer den in Libreas erschienenen Kommentar “Die sogenannte Geisteswissenschaft: Willi Bredemeiers Kritik der Informationswissenschaft misstönt schon bei der Ouvertüre” (PDF) greift viele Schwachstellen auf, unter anderem auch die grundsätzliche Position Bredemeiers als “exogener” Kritiker. Wer sich dafür und für die diskussionswürdige Einstufung der Informationswissenschaft als Geisteswissenschaft interessiert, möge direkt dort (im oben verlinkten PDF) weiterlesen. Dort sind auch verschiedene andere Punkte aufgelistet, denen ich weitgehend zustimmen kann.

Stichpunktartige zusätzliche Anmerkungen:

  • II.1.1: Nach dem gesellschaftlichen Nutzen zu fragen und dabei die Funktion der Informationswissenschaft als “Berufsschule” auszuklammern, scheint mir nicht redlich zu sein. Dieser Funktion wird innerhalb der Studiengänge eine so bedeutende Stellung eingeräumt, dass mancherorts kaum noch etwas anderes stattfindet.
  • II.1.2: Bredemeier behauptet, dass das “Heranziehen von Gesichtspunkten des Gemeinwohls als ‘Spinnertum’ abgestraft” würde. Wer macht das? Wo ist das der Fall? Die Nützlichkeit für die Gesellschaft, für das Gemeinwohl ist allgegenwärtig, wenn man über Open Access, über Informationskompetenz oder eine flächendeckende Informationsversorgung diskutiert.
  • Im selben Absatz fragt er: “Sind die grundlegenden Fragen unserer Branche nicht zu wichtig, als dass man sie ausschließlich der Informationswissenschaft überlässt?”. Viele grundlegende Fragen werden schon außerhalb der Disziplin beantwortet, wenn man so möchte. Zumindest sehe ich auf Tagungen und in Fachzeitschriften immer wieder Beiträge von beispielsweise Informatikern oder Juristen, die Antworten auf informationswissenschaftliche und -praktische Fragen geben.
  • II.1.3: Ben Kaden hat es schon aufgegriffen, aber dies stach mir so sehr ins Auge, dass ich es nochmal erwähne. “Allerdings haben sich weder Thomson Reuters noch die Wissenschaftsgemeinschaft die Frage gestellt, ob das Reputationssystem der Scientific Community funktionstüchtig ist.”
    Dass der Impact Factor kaum mehr als eine Krücke ist, ist wohl den meisten Wissenschaftlern, aber zumindest fast allen Bibliothekswesen durchaus bewusst. Nicht umsonst gibt es zahllose Versuche, ihn durch bessere bibliometrische Verfahren abzulösen. Auch die Diskussion über die Zulässigkeit dieser Quantifizierung wissenschaftlicher Qualität überhaupt ist weder neu noch im Geheimen erfolgt.
  • II.2.1:

    Das vielfach behauptete Kompetenzgefälle zwischen Wissenschaft und Praxis besteht in der Informationswissenschaft kaum.

    Bredemeier beschreibt dann, dass das Gefälle kaum existiert. Wer behauptet es denn?

  • II.5:

    Sollte es dennoch in mindestens einem Fall zu einer nachhaltigen Bereicherung der Entwicklung in Wissenschaft oder Praxis durch die Kommunikation und Kooperation miteinander gekommen sein, so sind diese ein Geheimnis geblieben.

    Kooperationen und gegenseitige Beratung sind mir beispielsweise aus dem Umfeld der Open-Access-Projekte bekannt. Diese Projekte sind schon von ihrer Ausrichtung an der Nahtstelle zwischen Grundlagen und Anwendung angesiedelt. Zum Beispiel OA-Statistik. Dort müssen werden alternative bibliometrische Verfahren untersucht. Ohne konkrete Einbindung von Praktikern (Repositoriums-Management, Autorenbetreuung, etc.) wäre das Projekt jedoch gar nicht denkbar. Ein richtiger und wichtiger Punkt ist allerdings im letzten Nebensatz versteckt: Die Projekte kommunizieren zu wenig mit der fachpraktischen Öffentlichkeit, in diesem Fall also z.B. den gemeinen Bibliothekswesen. Aber auch dies ist den Akteuren inzwischen bekannt und erfährt hoffentlich in näherer Zukunft eine Besserung.

Damit sind wir beim zweiten Teil angelangt.

  • III: Und gleich zu Beginn wird ein ganz grobes Mißverständnis angesprochen. Bredemeier schreibt:

    Nach dem Selbstverständnis der Wissenschaft werden Erkenntniszuwächse in Zeitschriftenbeiträgen und auf Tagungen kommuniziert.

    Wäre dies so, würde es nicht zu ausufernden Diskussionen über Fachkommunikation hier und in zahlreichen anderen Blogs kommen, von der Einrichtung eines Blogs zur Zukunft des wissenschaftlichen Journals ganz zu schweigen. Jakob Voss schrieb auch, dass die Rezeption der “Kritik der Informationswissenschaft”

    nicht bzw. für Abbonnenten bislang nur teilweise online frei verfüg- und verlinkbar [sei]. Dies mag ein Grund sein, weshalb er in der Biblioblogosphäre noch nicht rezipiert wurde.

    Wer in Printzeitschriften schreibt, wird nur von Abonnenten gelesen. Die Debatte über die verschiedenen Arten der Fachkommunikation möchte ich hier nicht wieder anstoßen. Aber nicht nur diese Diskussion deutet auf einen Paradigmenwechsel in der Fachkommunikation hin. Auch der Erfolg des Bibcamps ist ein eindeutiges Signal, dass es bessere Kanäle für die Verkündigung von Projekt- und Forschungsergebnissen gibt als Konferenzen. Die gemeinsame Zeit kann man (je nach Gusto und Veranstaltung: manchmal/häufig/oft/immer) sinnvoller durch Kommunikation miteinander füllen, statt nur einem Referenten zuzuhören.
    Wie erwähnt: diese Diskussion ist zu groß und zu grundsätzlich, um sie hier noch einmal neu zu beginnen.

  • IV.2: Sehr richtig ist Bredemeiers Kritik zur Einteilung der Arbeiten in Sonderkategorien wie “Doktoranden-Vorträge” oder “Studentenpräsentationen”.

    Nicht, dass es für Tagung und Reader keine schlechtere Lösung hätte geben können. Diese hätte darin bestanden, dass man Doktoranden und Studenten überhaupt keine Chance zu einem Auftritt in Konstanz mit anschließender Veröffentlichung gegeben hätte.

    Wie kann der gelungene Kompromiss zwischen Nachwuchsförderung und hohem wissenschaftlichem Anspruch einer Tagung aussehen?

  • IV.3.1: Kritisiert wird die Nennung der Mitglieder des Programmkommitees inkl. Titel.

    Besser als eine Auflistung von Titeln wäre die Angabe wissenschaftlicher Thesen gewesen, die die Mitglieder des Programmkomitees vertreten. Auf diese Weise wäre von vornherein ein Bezug zwischen Wissenschaftlern und ihren informationswissenschaftlichen Thesen sichergestellt und ein Interesse an einer inhaltlichen Thematik deutlich geworden.

    Wie soll das aussehen? “Lisa Lustig vertritt These A und B mit der Einschränkung, dass…”? Für die inhaltliche Diskussion ist m.E. die Konferenz und der Tagungsband zuständig. Die Nennung der Titel mag überflüssig sein, das Aufführen inhaltlicher Standpunkte ist jedoch zu komplex und somit fehleranfällig. Ausdiffernzierte Positionen müssten dadurch weit verkürzt werden, nur damit sie in einem Personenverzeichnis aufgeführt werden können.

  • IV.3.2:

    An dem Programmkomitee fällt seine ungeheuerliche Größe auf. Wer einmal selbst Veranstaltungen organisiert hat, weiß, dass es auf kleine schlagkräftige Teams ankommt, wenn man ein Mindestmaß an Effizienz und eine Erfüllung des Tagungsziels sicherstellen will.

    Das ist eine sehr subjektive Kritik. Sie hat auch mit der inhaltlichen Arbeit des Komitees nichts zu tun.

  • IV.3.3:

    An dem Programmkomitee fällt zusätzlich die extreme Konzentration auf den Hochschulbereich auf.

    Ist das verwunderlich? Woher sollen die Angehörigen des Komitees denn sonst kommen? Bei einer Tagung über die Erdölförderung in der Tiefsee würde die Beteiligung der fördernden Gesellschaften das Vertrauen in die Parteilosigkeit der ausgewählten Referenten nicht unbedingt steigern. Wie es um von Pharma-Konzernen (mit)organisierte Tagungen und Zeitschriften steht, ist allgemein bekannt, ebenso die regelmäßig wiederkehrenden Skandale. Als Referenten sind Industrievertreter auf fast allen von mir besuchten Konferenzen vertreten gewesen. Kürzlich auf den OA-Tagen haben de Gruyter und Springer ihre Open-Access-Strategien vorgestellt. Das ist für niemanden ein Problem. Im Gegenteil, es bereichert beide Seiten. Wäre einer der Referenten jedoch im Komitee gewesen, wäre er vielleicht in die mißliche Lage gekommen, über die Annahme eines direkten Konkurrenten mitentscheiden zu müssen.
    Objektive Auswahl und Bewertung von Fachbeiträgen ist schon schwierig genug, wenn “nur” Faktoren wie Zu- oder Abneigung, fachliche Konkurrenz zwischen Instituten und ähnliches hineinspielt. Wirtschaftliche Konkurrenz macht dies m.E. schwer bis unmöglich. 2) Über die Schwierigkeiten der Verflechtung von Industrie und Wissenschaft wird regelmäßig und polemisch im Blog Forschungsmafia berichtet. Dort fand ich auch den Hinweis auf einen DLF-Beitrag von Philip Banse, in dem über die Probleme wirtschaftsfinanzierter Forschung gesprochen wird.

Fazit

Es finden sich bestimmt noch weitere kritikwürdige Punkte in diesen beiden, und sicherlich auch in den noch folgenden Teilen der “Kritik an der Informationswissenschaft”. Aber auch wenn mein Posting hier vielleicht so anmuten mag, soll es keineswegs ein Verriß sein! Kaden schreibt:

Die „Kritik der Informationswissenschaft“ ist angesichts der Unklarheit über den Status des Fachs, die gerade der Text Willi Bredemeiers offenbart, mehr als notwendig. Insofern ist er als Impuls wichtig.

Selbst wenn man den Status selbst nicht für wichtig erachtet, bleiben genug Punkte, die diskutiert werden können. Bredemeiers Verdienst ist nicht, Antworten gefunden zu haben. Doch zumindest teilweise stellt er die richtigen Fragen, oder anders: falsche Gewissheiten in Frage. Die Diskussion über Ziele und Methoden der Informationswissenschaften muss stattfinden und ich bin schon gespannt auf die weiteren Teile dern “Kritik”. Vielleicht führen sie ja auch dazu, dass aus Password ein Journal wird, dass die Informationswissenschaft nicht nur diskutiert, sondern auch selbst dem Stand der Forschung entspricht. 3) Diese Diskussion bitte hier führen: http://beyondthejournal.net/ und insbesondere die Kriterien für ein informationswissenschaftliches Journal der Zukunft lesen! Dies nur als Anregung eines interessierten und besorgten Informationspraktikers mit Common Sense.

References   [ + ]

1. Wenn ich Ben Kaden hier zitiere, meine ich immer den in Libreas erschienenen Kommentar “Die sogenannte Geisteswissenschaft: Willi Bredemeiers Kritik der Informationswissenschaft misstönt schon bei der Ouvertüre” (PDF)
2. Über die Schwierigkeiten der Verflechtung von Industrie und Wissenschaft wird regelmäßig und polemisch im Blog Forschungsmafia berichtet. Dort fand ich auch den Hinweis auf einen DLF-Beitrag von Philip Banse, in dem über die Probleme wirtschaftsfinanzierter Forschung gesprochen wird.
3. Diese Diskussion bitte hier führen: http://beyondthejournal.net/ und insbesondere die Kriterien für ein informationswissenschaftliches Journal der Zukunft lesen!

Blackwell Synergy von Google Scholar mißverstanden

Sebastian Wolf machte in Inetbib auf Risiken und Nebenwirkungen der automatischen Metadatengeneration durch Google aufmerksam.

Google Scholar kümmert sich auch nicht um die Original-Metadaten aus den Dokumentenservern, sondern indexiert Autorennamen etc. per automatischer Texterkennung. Die Metadaten von Dokumentenservern sind in der Tat manchmal erstaunlich schlecht, aber die automatische Autorenerkennung macht z.B. “F Password”, “D Surgery” und “I View” zu erfolgreichen und vielzitierten Autoren in Google Scholar.

Es gibt sogar einen Aufsatz, der von allen Dreien gemeinsam geschrieben wurde. Dort bestätigt sich auch, was sich schon bei einem Überfliegen der Ergebnislisten der anderen “Top-Autoren” aufdrängt: zwei von drei Versionen des Werkes werden mit korrekten Autorenangaben versehen, nur bei Blackwell Synergy schlägt die Interpretation stets fehl.

Allerdings sind Blackwell-Autoren nicht das einzige Opfer der fehlerhaften Autorenerkennung. Wenn man nach Reputationseffekt erhält man auch gleich als erstes ein Werk von “F Wirtschaftswissenschaften” angeboten.

Bleibt nur zu hoffen, dass F. Wirtschaftswissenschaften (bestimmt ein guter Freund von F. Informationswissenschaft, der wiederum sehr viel mit F. Potsdam veröffentlicht) in nicht-deutschsprachigen Ländern nicht tatsächlich ab und an als Autor angegeben wird.