Wird Kurt-Tucholsky-Bibliothek doch geschlossen?

Nachdem sich die Ständige Konferenz der Leiter der Öffentlichen Bibliotheken Berlins heute gegen einen ehrenamtlichen Betrieb der Bibliothek ausgesprochen haben, steht die Kurt-Tucholsky-Bibliothek nun doch wieder vor einer Schließung, nachdem sie erst im Juni diesen Jahres wiedereröffnet wurde.

Mehr Informationen gibt es auf Berlin.online.

Pia Kluth: Leser, Kunde oder Benutzer?

Pia Kluth widmet sich in ihrer Arbeit „Perfekt versteckt : Ressourcenverschwendung in wissenschaftlichen Bibliotheken“ [1]Perfekt versteckt : Ressourcenverschwendung in wissenschaftlichen Bibliotheken / Kluth, Pia. – 1. Aufl. – Saarbrücken : VDM Verlag Dr. Müller, 2007, S. 32-36 unter anderem der Frage, wer das denn nun eigentlich ist, der da Bibliotheken benutzt oder bekundet. Eine befriedigende Antwort findet sie leider nicht.

Beim Vergleich der Begriffe Benutzer und Leser greift Kluth auf das Lexikon des Bibliothekswesens (Kunze) von 1969 zurück. Da es sich bei der Umwidmung des Bibliotheksbenutzers in einen Konsumenten um ein neueres Phänomen handelt, scheint mir dies verfehlt. Wie auch immer, wesentlicher ist der Vergleich der Begriffe Benutzer und Kunde, auf den sie später eingeht. Zitat, S. 33f:

Anders als bei den Begriffen „Leser“ und „Benutzer“ führt die Bezeichnung „Kunde“ zu weiteren Implikationen. Kundenwert, Kundenverständnis und Kundenbindung sind einige Anknüpfungspunkte, die von diesem Begriff ausgehen. Die Richtung ist deutlich, es geht um ein innovatives Bild der Bibliotheksklientel. Das Wort „Kunde“ löst Assoziationen aus, die Menschen und nicht Medien ins Zentrum bibliothekarischer Arbeit rücken. Kundenorientierung bedeutet, die Aufmerksamkeit auf Dienstleistungen zu richten, die Kundenbedürfnisse befriedigen.

Auf S. 35 zitiert sie Umlauf („Die Bibliothek als wirtschaftliches Dienstleistungszentrum“, 2001, S. 7):

Mir scheint, dass die Beziehung zwischen den Nutzern der Bibliothek und der Bibliothek nicht vergleichbar ist zwischen den Kunden und einem Unternehmen, das diesen Kunden Waren und Dienstleistungen verkauft.

S. 35f:

Folglich scheinen sich beide Begriffe im bibliothekarischen Sprachgebrauch durchgesetzt zu haben, auch wenn sie nicht sauber voneinander abgetrennt werden. „Benutzer“ ist das traditionellere und gewohntere Wort. „Kunde“ hebt die ursprünglich intendierte Botschaft aus der Marktwirtschaft hervor. Vielleicht ist der sorglose Gebrauch aber nicht als Makel zu interpretieren, zeugt er doch von einer Normalisierung und realen Integration des dienstleistungsorientierten Wortes „Kunde“ in die bibliothekarische Alltagssprache.

Noch ein Fragment, das wohl nie fertig geworden wäre. Daher einfach mal so als hoffentlich nützliche Zitatsammlung ins Netz gepackt.

References

References
↑1 Perfekt versteckt : Ressourcenverschwendung in wissenschaftlichen Bibliotheken / Kluth, Pia. – 1. Aufl. – Saarbrücken : VDM Verlag Dr. Müller, 2007, S. 32-36

Wissenschaft und freies Wissen

Kleiner, durch die Knol-Diskussion längst veralteter Beitrag zur Motivation wissenschaftlicher Autoren. Dies ist ausdrücklich ein unfertiges Fragment. Ich habe jetzt einfach mal auf „Veröffentlichen“ geklickt, weil es sonst wohl nie fertig geworden wäre.

Nielsen fragte sich, warum Wikipedia eigentlich nicht von Wissenschaftlern begründet wurde. Immerhin gehe es doch darum, jegliches Wissen unserer Zeit frei verfügbar zu machen. Er widmet dieser Frage ein ganzes Kapitel seines gerade in Entstehung befindlichen Buches.

In fact, in the early days very few professional scientists were involved. To contribute would arouse suspicions from your colleagues that you were wasting time that could be spent on more “useful” things, like teaching, or writing papers and grants. Even today, contributing to Wikipedia is regarded as a low-value activity by most professional scientists.

Diese Frage ist wichtig für das Verständnis des wissenschaftlichen Betriebs. Es ist offensichtlich attraktiver, Anträge zu schreiben, als einen kleinen Wikipedia-Artikel, obwohl bei letzterem ein wesentlich größerer Effekt auf den Wissensstand einer Gesellschaft zu vermuten ist. Zumindest ist der (tatsächliche) Impactfactor eines Wikipedia-Artikels vermutlich mindestens so hoch wie der einer beliebigen Fachpublikation. Der Unterschied ist nur, dass viele Wissenschaftler nicht zugeben, sich bei Wikipedia informiert zu haben. Und natürlich, dass der Autor bei Wikipedia fast immer anonym bleibt.

Auch Gia Lyons widmet sich dieser Problematik, zwar eigentlich aus einer ganz anderen Fragestellung heraus. Aber letztlich mit dem interessanten Ergebnis: Wer weiß, teilt sein Wissen ungern, und wenn dann am liebsten mit einem sorgsam ausgewählten Kreis von Gleichgesinnten.

Because human beings typically share their precious knowledge only with people they trust. Not a software application.

Wissenschaft wird primär zum Eigennutz betrieben?

Google will Zeitungen digitalisieren. Alle.

Google will Zeitungen digitalisieren. Wie Thomas Knüver formuliert:

Alle Zeitungen. Der Welt. In Original-Optik. Volltext durchsuchbar. Online

Auf der Teccrunch50 hat Vize-Googlerin Marissa Mayer angekündigt, wirklich alle Zeitungen dieser Welt in Originaloptik und durchsuchbar via Google News verfügbar zu machen.

Google will also mal wieder alles, und zeigt sich sehr entschlossen, dies Unterfangen erfolgreich anzugehen.

Mehr zum Thema gibt es bei Tecchrunch, im Googleblog, im Filterblog …

Berliner Manifest: Öffentliche Dienste 2.0

Auf einer Verdi-Konferenz zur „Staatlichen Verantwortung und Öffentlichen Daseinsvorsorge in der Informationsgesellschaft“ wurde ein Berliner Manifest verabschiedet, dessen Volltext bei Netzpolitik.org einzusehen ist. Das riecht nach einem klassisch bibliothekspolitischen Thema. Im Folgenden sind die Punkte herausgepickt, in denen Bibliotheken auf den ersten Blick eine Rolle spielen.

1. Grundversorgung und offener Zugang!
Offener Zugang zum Internet gehört heute zu den unverzichtbaren Voraussetzungen einer Informationsgesellschaft. Nicht am Internet teilhaben zu können, bedeutet den Ausschluss aus weiten Teilen des gesellschaftlichen und familiären Lebens, Ausschluss von Bildungs- und Informationsmöglichkeiten, von demokratischer Teilhabe – privat, wie beruflich.

Jeder Bürger – ob in Stadt oder Land, ob arm oder reich, ob behindert oder nicht – benötigt Zugang zum Internet mit ausreichender Bandbreite. Um die „digitale Spaltung“ von Arbeitswelt und Gesellschaft zu verhindern, gilt es:

Die Grundversorgung neu zu definieren, Zugang für alle Menschen auch dadurch zu garantieren, dass Dienstleistungen von „Mensch zu Mensch“ erhalten bleiben und in der Arbeitswelt alle Beschäftigten (z.B. auch ArbeiterInnen) Zugang zu Intra- und Internet bekommen.

Logisch: So lange es keine Hartz-IV-Flatrate gibt, ist der Internetzugang über die Bibliothek für viele zumindest theoretisch eine Möglichkeit, ins Internet zu gelangen. Wenn nicht sogar die Einzige. Siehe auch hier.

Das Bibliotheken von ganzen Bevölkerungsschichten kaum genutzt werden [1] unbelegte Behauptung. Hat jemand Zahlen parat? , steht dem faktisch allerdings im Weg.

3. Keine Privatisierung öffentlicher Güter im virtuellen Raum!
Öffentliche Archive, Bibliotheken, Museen und andere Kulturstätten gehören der Allgemeinheit – deren Bestände und Schätze auch in digitalisierter Form. Ihre Veräußerung oder Abtretung an private Einrichtungen muss unterbleiben.

Was mit öffentlichen Geldern oder Zuschüssen finanziert wurde, muss für die Öffentlichkeit frei zugänglich sein und sollte entsprechend der neuen technischen Möglichkeiten auch digital öffentlich und weitgehend kostenfrei nutzbar gemacht werden.

Kurz gefasst: Mehr Open Access, weniger Copyfraud. (Ich habe gerade mit Erstaunen festgestellt, dass es bei Archivalia keine gleichnamige Kategorie gibt. Über die Suchfunktion erhält man jedoch einen guten Überblick.)

References

References
↑1 unbelegte Behauptung. Hat jemand Zahlen parat?

Sarah Palin feuerte Bibliothekarin

Sarah Palin Sarah Palin ist von US-Republikaner John McCain zur Kandidatin für die Vizepräsidentschaft der USA ernannt worden. Nun möchte man ja wissen, wer da demnächst die halbe Welt vizeregieren könnte, und stößt dabei auf folgenden Begebenheit (aus der der NY Times):

Shortly after becoming mayor, former city officials and Wasilla residents said, Ms. Palin approached the town librarian about the possibility of banning some books, though she never followed through and it was unclear which books or passages were in question.

Anne Kilkenny, a Democrat who said she attended every City Council meeting in Ms. Palin’s first year in office, said Ms. Palin brought up the idea of banning some books at one meeting. “They were somehow morally or socially objectionable to her,” Ms. Kilkenny said.

The librarian, Mary Ellen Emmons, pledged to “resist all efforts at censorship,” Ms. Kilkenny recalled. Ms. Palin fired Ms. Emmons shortly after taking office but changed course after residents made a strong show of support. Ms. Emmons, who left her job and Wasilla a couple of years later, declined to comment for this article.

In 1996, Ms. Palin suggested to the local paper, The Frontiersman, that the conversations about banning books were “rhetorical.”

Dagegen war Bikinigate ja noch durchaus amüsant.

Öffentliche Bibliotheken ermöglichen Senkung des Hartz-IV-Regelsatzes

In einer realitätsfernen menschenverachtenden originellen Studie rechnen zwei Chemnitzer Wirtschaftswissenschaftlern (Friedrich Thießen und Christian Fischer) vor, dass der Hartz-IV-Regelsatz bei nur 132 Euro liegen könnte. In der Studie, deren Grundlage ein gesundes, rational handelndes Individuum frei von Sucht oder anderen Erkrankungen oder Behinderungen ist, tauchen die Bibliothek gleich in zwei Kategorien des Warenkorbs auf:

Kommunikation:

Pauschale für schriftliche Kommunikation entsprechend EVS. Kein Kabelanschluss und Betreiberkosten in der Wohnung. Dafür Radio- TV-Anschluss sowie 20 Min./Tag Internet in Stadtbibliothek.

Freizeit, Unterhaltung:

Pauschale für Stadtbibliothek. Ermöglicht Zugang zu Internet, Zeitungen, Zeitschriften und Büchern. Unterstellt wird darüber hinaus eine Freizeitgestaltung in Form von Gesprächen, Spaziergängen, Nutzung von Parks, Teilnahme an öffentlichen Festen etc..

Hervorhebungen von mir. Die Kosten für beide Kategorien werden im Minimalfall mit 3 € veranschlagt (1 € für Kommunikation, 2 € für Freizeit, Unterhaltung), eine Jahresmitgliedschaft bei der Stadtbibliothek mit 7 €. Da in manchen Städten Empfänger von ALG II die Stadtbibliothek gratis nutzen können (z.B. in der Stadtbibliothek Hannover), könnte man diesen Betrag doch sogar noch ein wenig einkürzen!

Der Studie wurde eine Präambel hinzugefügt. In dieser heißt es:

Die folgende Studie hat Wirbel ausgelöst. Sie ist in der Presse und im Fernsehen teilweise sinnentstellt dargestellt worden. […] Die Studie hat daraus keine Konsequenzen abgeleitet.

Die Autoren fühlen sich offensichtlich mißverstanden. Bei aller Liebe: Wer so ein Papier mit solchen Zahlen veröffentlicht und auch noch an alle möglichen Presseverteiler gibt, hat es offensichtlich auf Pressewirbel angelegt und verdient nichts anderes, als öffentlich auseinandergenommen zu werden.

Die Studie ist online zugänglich, einmal komplett, und einmal als Zusammenfassung (beides PDF).

[via taz]