#bib10, das 10. Bibcamp in Hannover- ein kurzer Rückblick

Die von mir besuchten Sessions beim diesjährigen Bibcamp waren sehr abwechslungsreich und zum Teil angenehm kontrovers. Zwei Sessions wurden live in Etherpads dokumentiert (Koha und Big Data und Medienpädagogik). Zu weiteren Sessions soll es noch Dokumentation im Uralt-PBWiki der Bibcamps geben.

Twitter-Netzwerk zu #bib10 nach Retweets

Ein Tweetarchiv zu #bib10 ist hier zu finden, die Vernetzung der Twitternden ist hier visualisiert.

Positiv ist zu vermerken, dass der Kundenbegriff auf dem absteigenden Ast zu sein scheint. Er wurde aktiv und kritisch diskutiert, und auch unter den Verwendern dieses Begriffs fand sich niemand, der ernsthaft Partei dafür ergriff. Es handelt sich vielmehr um eine Verwendung aus Gewohnheit. Schauplatz dieser Diskussion war eine Session zu “Demokratie und Bibliotheken”, die weitaus praxisrelevanter war, als manch einer beim Leses des Titels zu vermeinen mag. Auch die Session über “Visionäre Führung” hatte nichts mit halluzinierten Wahnideen aus der Leitungsebene zu tun, sondern vielmehr mit der Wichtigkeit einer gemeinsame Werte- und Zielbasis im Team oder in der Organisation für die Erreichung der Organisationsziele.

Ein großes Kompliment an die Ausrichter! Detailkritik bezüglich der Sessionplanung sollte man für zukünftige Bibcamps beachten, sie ist aber nicht ausschlaggebend für die Bewertung der Veranstaltung. Das Bibcamp hatte fast nur aktive Teilnehmer, und dadurch ist es ein erfolgreiches Bibcamp gewesen.

Onleihe macht Bibliotheken zum Buchhandelsschaufenster

Über den neuesten Unsinn zur Onleihe muss ich mich nicht selbst aufregen, das haben andere schon für mich gemacht. Lesenswert:

Jürgen Plieninger in Netbib:

Stellen Sie sich eine Stadtbücherei vor: Wenn ein Buch ausgeliehen wird, kommt eine örtliche Buchhandlung und stellt einen Stellvertreter ein, auf dem dafür geworben wird, doch das Buch zu kaufen, anstatt zu warten, bis es wieder im Regal auftaucht. […]
Ob die Bibliotheken hier nicht die Gewinner sind? – Schließlich könnten sie doch verschiedene Buchhandlungen und Lieferanten gegeneinander ausspielen und den Button dessen nehmen, der die meiste Provision springen lässt. Wie, das geht nicht?

Dörte Böhner auf Bibliothekarisch.de:

Und nein, ich finde es von den Bibliotheken, die sich da an der Pilotphase beteiligen, nicht in Ordnung, dass sie sich dafür zur Verfügung stellen. Liebe Stadtbüchereien Düsseldorf, Hamburger Öffentlichen Bücherhallen und liebe Bibliotheken des Onleihe-Verbunds Oberlausitz, warum lassen Sie sich so vor den Karren der ekz spannen und sorgen nicht dafür, dass wenigsten in gewisser Weise noch eine Wahlfreiheit für Ihre Nutzer bleibt? Warum lassen Sie zu, dass Ihre Angebote kommerzialisiert werden? Ist der Bibliotheksnutzer bereits gedanklich soweit zum Kunden geworden, dass er Geld ausgeben soll, damit Ihr Angebot besser aussieht? Das ist aus meiner Sicht nicht mehr Service, sondern der falsche Weg. Verbessern Sie Ihr E-Book-Angebot, in dem Sie die Lizenzbedingungen angehen. Ideen, was man da machen könnte, gibt es viele. Ca 2000 Bibliotheken sind der Onleihe verfallen? Warum setzen Sie nicht auf diese Masse, um Dinge in Bewegung zu bringen?

Jürgen Fenn in Schneeschmelze:

Geradezu absurd erscheint aber die Lage, die die Onleihe mit diesem neuen Dienst herbeiführt. Erst wird die Verfügbarkeit von digitalen Texten durch das DRM künstlich verknappt, so daß ich z. B. die Zeitung von gestern nur eine Stunde lang lesen darf. Dann wird dem zu spät gekommenen Leser durch den Verkaufsbutton suggeriert, wenn er den Text jetzt lesen wolle, könne – vielleicht kommt bei ihm sogar an: müsse – er ihn bei dem Tochterunternehmen der EKZ und der Onleihe kaufen. Und schließlich sinken infolgedessen auch noch die Ausleihzahlen bei den Bibliotheken, weil die Leute von dort in den Online-Shop geschickt werden – in den sie in Zukunft gleich direkt gehen können? Mit einer so erworbenen Provision entzieht die Bibliothek ihrem eigenen Modell selbst den Boden und sägt an dem Ast, auf dem sie und das gesamte Bibliothekswesen hierzulande sitzt.

DonBib in Ultra Biblioteka:

Es ist, Dörte hat es wunderbar formuliert, bereits anstrengend sich die Onleihe schönzureden, denn wir unterstützen als Bibliotheken ein unsägliches System. Dieser Kaufknopf mit anschließender Provision für die Bibliotheken widert mich aber schlicht an. Ich kann dafür ethisch keine Tür entdecken, die so eine Idee möglich machen sollte, da sind bildlich gesprochen nicht mal Fenster in der Mauer vor dieser Idee. Auch fachlich ist der Schaden dieses Ansatzes unberechenbar. Gleichwohl folgt diese Idee dem so unwissenschaftlichen wie unethischen Grundsatz eine Bildungseinrichtung als Unternehmen führen zu wollen. Ich kann die KollegInnen in Düsseldorf und Hamburg nur auffordern, sich schnellstmöglich fachöffentlich zu äußern.

Ich bin gespannt, ob es zu einer ähnlichen Aufregung kommen wird wie im Falle der Amazonlinks im Heidelberger Katalog.

"König Kunde" in der Bibliothek

Gerhard Zschau und Peter Jobmann haben sich in ihrer Masterarbeit über den Weg zur demokratischen Bibliothek in einem Kapitel mit dem Kundenbegriff beschäftigt, zu dem ein Teil des Bibliothekswesens ein meines Erachtens nahezu fetischistisches Verhältnis pflegt.

Zschau und Jobmann beleuchten den Kundenbegriff im Kapitel „König Kunde?“ unter dem Aspekt der Machtasymetrie.

In weiterem Sinne kann […] konstatiert werden, dass die Beförderung der Nutzung des Kundenbegriffs nicht, wie in bibliothekarischer Fachliteratur beschrieben, zur gelebten Kundenorientierung – also der Beschäftigung mit den Bedürfnissen Anderer – führt, sondern im Gegenteil der Institution Bibliothek ihre Funktionszuschreibung in der Gesellschaft beraubt. Ein über die kommunikative Attraktivität hinausgehendes Verständnis des Kundenbegriffs konnte nicht erkannt werden.

Lesenswert!

Was mir fehlt, ist die historische Herleitung des Begriffes, aber das kann von dieser Arbeit nicht verlangt werden. NPM könnte hier sicherlich ein Anknüpfungspunkt sein.

Alle Jahre wieder: Leser, Nutzer oder Kunde?

Wie nennen wir die Menschen, die in die Bibliothek kommen, ohne dafür bezahlt zu werden? Diese Frage kocht regelmäßig hoch und ist sehr oft diskutiert worden. Das älteste (getaggte) Posting zu der Debatte hier auf Infobib ist dieses hier, unter dem Tag “kunde” finden sich noch einige andere. Fortschritte in die eine oder andere Richtung gab es in meiner Wahrnehmung in den Jahren seither nicht. Wer es für fortschrittlich und heilsbringend hält, wird weiterhin seine “Kundenfreundlichkeit” beteuern.

Ich bin gespannt, ob es in der Debatte, die sich gerade aus Christoph Deegs Posting “Lasst die Kunden zu mir kommen” ergab, einen neuen und originellen Gedanken zu entdecken geben wird. DonBib hat schon einmal geantwortet. Auch die Kommentare zu den beiden Postings sollten mitgelesen werden. Weitere Reaktion gibt es in Netbib und in einer Google-Plus-Diskussion.

Umfrage zur "Kundenorientierung" an Öffentlichen Bibliotheken

Auch wenn ich immer noch davon ausgehe, dass die Bezeichnung “Kunde” keine Auf-, sondern eine Abwertung der Bibliotheksbenutzer darstellt:

Liebe Kolleginnen und Kollegen an Öffentlichen Bibliotheken,

Im Rahmen meiner Masterarbeit am Institut für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der HU-Berlin beschäftige ich mich mit der aktuellen Praxis der Kundenorientierung in Öffentlichen Bibliotheken in Deutschland.

Grundlage der Untersuchung bildet eine Online-Befragung aller Mitarbeiterinnen, Mitarbeiter und Auszubildender Öffentlicher Bibliotheken, zu der folgender Link führt:

http://yoowe.ibi.hu-berlin.de/survey/index.php?sid=25781&lang=de

Bitte nehmen Sie sich ca. 15 Minuten Zeit zur Beantwortung der Fragen. Ihre Angaben werden selbstverständlich streng vertraulich behandelt und anonym ausgewertet. Die Daten werden nur in diesem Rahmen verwendet und nicht an Dritte weitergegeben.

Über zahlreiche Rückmeldungen bis zum 18. Mai 2009 würde ich mich sehr freuen.

Vielen Dank für Ihre Unterstützung!

Mit freundlichen Grüßen
Susanne Göbel

(Hervorhebungen von mir)

Pia Kluth: Leser, Kunde oder Benutzer?

Pia Kluth widmet sich in ihrer Arbeit “Perfekt versteckt : Ressourcenverschwendung in wissenschaftlichen Bibliotheken” 1)Perfekt versteckt : Ressourcenverschwendung in wissenschaftlichen Bibliotheken / Kluth, Pia. – 1. Aufl. – Saarbrücken : VDM Verlag Dr. Müller, 2007, S. 32-36 unter anderem der Frage, wer das denn nun eigentlich ist, der da Bibliotheken benutzt oder bekundet. Eine befriedigende Antwort findet sie leider nicht.

Beim Vergleich der Begriffe Benutzer und Leser greift Kluth auf das Lexikon des Bibliothekswesens (Kunze) von 1969 zurück. Da es sich bei der Umwidmung des Bibliotheksbenutzers in einen Konsumenten um ein neueres Phänomen handelt, scheint mir dies verfehlt. Wie auch immer, wesentlicher ist der Vergleich der Begriffe Benutzer und Kunde, auf den sie später eingeht. Zitat, S. 33f:

Anders als bei den Begriffen “Leser” und “Benutzer” führt die Bezeichnung “Kunde” zu weiteren Implikationen. Kundenwert, Kundenverständnis und Kundenbindung sind einige Anknüpfungspunkte, die von diesem Begriff ausgehen. Die Richtung ist deutlich, es geht um ein innovatives Bild der Bibliotheksklientel. Das Wort “Kunde” löst Assoziationen aus, die Menschen und nicht Medien ins Zentrum bibliothekarischer Arbeit rücken. Kundenorientierung bedeutet, die Aufmerksamkeit auf Dienstleistungen zu richten, die Kundenbedürfnisse befriedigen.

Auf S. 35 zitiert sie Umlauf (“Die Bibliothek als wirtschaftliches Dienstleistungszentrum”, 2001, S. 7):

Mir scheint, dass die Beziehung zwischen den Nutzern der Bibliothek und der Bibliothek nicht vergleichbar ist zwischen den Kunden und einem Unternehmen, das diesen Kunden Waren und Dienstleistungen verkauft.

S. 35f:

Folglich scheinen sich beide Begriffe im bibliothekarischen Sprachgebrauch durchgesetzt zu haben, auch wenn sie nicht sauber voneinander abgetrennt werden. “Benutzer” ist das traditionellere und gewohntere Wort. “Kunde” hebt die ursprünglich intendierte Botschaft aus der Marktwirtschaft hervor. Vielleicht ist der sorglose Gebrauch aber nicht als Makel zu interpretieren, zeugt er doch von einer Normalisierung und realen Integration des dienstleistungsorientierten Wortes “Kunde” in die bibliothekarische Alltagssprache.

Noch ein Fragment, das wohl nie fertig geworden wäre. Daher einfach mal so als hoffentlich nützliche Zitatsammlung ins Netz gepackt.

References   [ + ]

1. Perfekt versteckt : Ressourcenverschwendung in wissenschaftlichen Bibliotheken / Kluth, Pia. – 1. Aufl. – Saarbrücken : VDM Verlag Dr. Müller, 2007, S. 32-36

Ehrenamt vs. politische Verantwortung

In einem Netbib-Kommentar macht Peter Delin auf ein Interview mit Patrick Meinhardt, dem Vorsitzenden des Vereins Leben in Wilhelmsruh aufmerksam. Dort geht es (auch) um den Rückzug der Politik aus der Verantwortung für Bildung und Kultur, die mit der “Verkundung” des Bibliotheksbenutzers einhergeht. Der Verein betreibt eine Stadtteilbibliothek nach deren Schließung ehrenamtlich weiter.

Würden Sie das Modell einer ehrenamtlich betriebenen Bibliothek empfehlen?

Die Arbeit im Verein und in der Bibliothek ist eine wirklich schöne Erfahrung. Aber als Vorbild für andere Bibliotheken würde ich unser Modell nicht empfehlen. Es darf nicht sein, dass der Staat sich aus solchen Aufgaben zurückzieht. Wir sehen unsere Arbeit auch eher als ein “Warmhalten”. Wir hoffen sehr, dass wir eines Tages wieder personelle Unterstützung vom Bezirk bekommen. Dass wir jetzt von der Politik als Musterbeispiel hingestellt werden und gesagt wird: Schaut her, so geh das ja auch – das ist auf jeden Fall ein Problem.

Wahre Worte gelassen ausgesprochen. Ceterum censeo, Bildung ist Bürgerrecht.

Konstanzer Studenten ohne soziales Gewissen?

Eine harte Überschrift, aber angesichts der Sachlage muss man diese Frage stellen. Worum geht’s?

Die Universitätsbibliothek Konstanz wurde aufgefordert, ein Konzept für Benutzungsgebühren für externe Nutzer vorzulegen. Die Konstanzer Bibliotheksdirektorin Petra Hätscher schreibt dazu in Inetbib:
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Leser, Nutzer oder Kunde?

Die Unsitte, von Bibliothekskunden zu sprechen und zu schreiben, beschäftigt mich schon etwas länger. Hans-Christoph Hobohm bot sogar eine Fortbildung zum Thema (“König Kunde in der Bibliothek?“) an, die sich allerdings eher auf Bibliotheksmarketing konzentriert hat. Auf der siebten Seite seiner Begleitmaterialien (PDF) zu dieser Veranstaltung stellt er “alte” und “neue” Begriffe gegenüber. Zum Beispiel “Leser” vs. “Kunde”. Leider wird der Begriff des Kunden auf den Folien nicht definiert. Ich vermute, dies geschah auch während der Fortbildung nicht. Zumindest wird ebd. auch der Begriff “Nutzerbindung” gebraucht; eine einheitliche Begriffsverwendung ist nicht zu erkennen. Im ebenfalls von Hobohm erstellten SERVQUAL-Fragebogen ist die Rede von Benutzern. Das sind dann schon 3,5 Begriffe für ein und die selbe Person.
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