Kritische Recherche für Journalisten – Teil I

Immer wieder werden Jubelmeldungen über Produkte wie zum Beispiel die „Onleihe“ publiziert. Was mir ein Rätsel ist: Warum wird die Kritik an der Onleihe wirklich so gut wie nirgendwo erwähnt? Darf man in Lokalzeitungen nichts Kritisches über die Stadtbibliothek schreiben, weil die Redaktion dann befürchtet, nicht zur nächsten Autorenlesung eingeladen zu werden?

Aktuelles Beispiel: MacNews schreibt über „kostenlose E-Books und E-Paper per Onleihe“. Aha, aha. Die Onleihe ist also kostenlos. Für wen? Für die Bibliotheken? Auch wenn meines Wissens niemand belastbare Zahlen rausrückt: Eher nicht. Für die Bibliotheksnutzer? Ebenfalls eher nicht. Denn Stadtbibliotheken fordern von Ihren Nutzern oft Gebühren. Auch Steuergelder, von denen wohl fast alle Onleihe-Bibliotheken finanziert werden, kommen nicht aus dem Nichts.

Wie kommt man an solch ein Geheimwissen heran? An dieser Stelle ausnahmsweise ein Tipp vom Informationsprofi für Journalisten und solche, die sich dafür halten.

Man nehme:

  1. Die Suchmaschine des geringsten Misstrauens. Kaum zu glauben, aber dieser Trick funktioniert wirklich mit fast allen!
  2. Als ersten Suchbegriff wählen Sie den Namen des Produkts, über das zu berichten ist. In diesem Fall: „Onleihe“.
  3. Nun (und jetzt wird’s raffiniert!) fügen Sie einen zweiten Begriff hinzu. Und zwar: „kritik“.
  4. Nun lösen Sie die Suche aus.
  5. Gucken Sie sich die Suchergebnisse an. Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit müssen Sie sich die Spezialkompetenz des Blätterns auf die zweite Ergebnislistenseite nicht aneignen, da sich unter den ersten Treffern schon eine Menge relevanter Kritik findet.

Auch wenn das jetzt kompliziert aussieht: Versuchen Sie es! Ich glaube an Sie! Damit Sie den Einstieg schaffen, habe ich die Probe auf’s Exempel mit den beiden zur Zeit vermutlich relevantesten Suchmaschinen und dem erwähnten Beispiel für Sie vorbereitet:

Das funktioniert auch mit anderen Suchmaschinen, z.B. Metager.

Achtung: Die Berücksichtigung dieses Tipps könnte zu kritischer Berichterstattung führen. Wenn Sie eine Karriere in den PR-Abteilung der zu besprechenden Firmen beabsichtigen, sollten Sie eventuell davon absehen.

Open Data in Baden-Württemberg

Im Koalitionsvertrag der Grün-Roten Koalition in Baden-Württemberg (PDF) sind zwei erfreuliche Abschnitte zu finden. Der Erste beschäftigt sich mit „Leistungsfähiger Informationsinfrastruktur und Open Access“ (S. 14):

Der Zugang zu Datenbanken und E-Journals sowie die Nachhaltigkeit und Nachnutzung wissenschaftlicher Daten wird neben der Geräteausstattung ein immer wichtigerer Faktor für Forschungsund Innovationsprozesse. Wir werden deshalb verstärkt in die Informationsversorgung investieren.

Gleichzeitig wollen wir größtmögliche Transparenz und allgemeine Zugänglichkeit zu wissenschaftlichen Daten herstellen. Dazu werden wir gemeinsam mit den Hochschulen und Universitätsbibliotheken des Landes eine Open-Access-Strategie entwickeln. Dabei prüfen wir, wie das Prinzip umgesetzt werden kann, alle öffentlich geförderten und alle durch das Land beauftragten Forschungsergebnisse kostenfrei der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Möglichkeit der Hochschulen zur Forschung im Auftrag Dritter darf dadurch nicht beeinträchtigt werden.

Weiterhin wird erhöhte Transparenz bei militärisch relevanter Forschung gefordert.

Der Zweite Abschnitt beschäftigt sich mit „Transparenz des Regierungshandelns im Netz“ (S. 79):

Wir stehen für eine offene Gesellschaft und eine transparente Verwaltung. Die bisherigen Aktivitäten Baden-Württembergs im Bereich e-Government und digitaler Demokratie werden wir ausbauen. Dabei werden wir insbesondere auch auf die Barrierefreiheit aller öffentlichen Angebote achten, und darauf, dass Teilhabe am öffentlichen Leben auch ohne Netzzugang möglich bleibt. Zu den großen Chancen digitaler Netze gehört die Möglichkeit, die Grundlagen des Regierungshandelns transparent und zugänglich zu machen.

In einem umfassenden Informationsfreiheitsgesetz werden wir gesetzliche Regelungen treffen, damit Bürgerinnen und Bürger unter Beachtung des Datenschutzes grundsätzlich freien Zugang zu den bei den öffentlichen Verwaltungen vorhandenen Informationen haben. Wir werden unser Regierungshandeln daran orientieren, die zugrunde liegenden Daten und Dokumente weitestmöglich öffentlich zugänglich zu machen. Hier orientieren wir uns am Grundsatz „Open Data“.

Drei Bibliotheken in Baden-Württemberg (Konstanz, Mannheim, Tübingen) gehen in dieser Hinsicht mit gutem Beispiel voran. Sie haben ihre Katalogdaten unter CC0 veröffentlicht. Die UB Mannheim bietet Linked Open Data (zum SPARQL-Endpoint) wie kürzlich schon hier erwähnt.

Linked Open Data der UB Mannheim

Die UB Mannheim ist nach der Veröffentlichung ihrer Katalogdaten im letzten Jahr nun den konkreten Schritt gegangen, diese durch freie Lizenzierung tatsächlich nachnutzbar zu machen. Mehr dazu im Blog der UB Mannheim.

Warum das so ein wichtiger Schritt ist, erläutert Greg Grossmeier von der University of Michigan in seinem „Commitment to Compatibility“. Fazit:

By using the most compatible license available from Creative Commons, MLibrary enables efficient content creation. We make it possible for users to worry less about license incompatibility and permissions — and instead spend more time on the actual creation of quality content. We hope to see the positive influence of this throughout the local, national, and international library communities.

Es lohnt sich jedoch, das ganze Posting zu lesen.

Danke an Kai für den Hinweis!

QR-Codes: weitere Anwendungsmöglichkeiten

Schon der wohl bekannteste QR-Code-Generator von Kaywa bietet an, verschiedenartige Informationen (URL, Text, Phone Number, SMS) zu kodieren. Es sind jedoch noch viele weitere Anwendungen denkbar. Eine davon ist die Kodierung von Calendar-Events. Dafür bietet der ZXING QR-Generator eine Maske, die auf Googles Chart API aufsetzt.

Gibt man die gewünschten Daten ein, so produziert Google Charts zum Beispiel diesen QR-Code:

Nutzt man ein entsprechend ausgestattetes Smartphone, erhält man nach Einlesen des QR-Codes nicht nur die Daten des Events, sondern auch die Möglichkeit, dies dem eigenen Kalender hinzuzufügen. Klingt großartig, funktioniert nur leider auf vielen Geräten nicht. Zumindest war dies der Stand vor ca. einem Jahr. [1] Neuere Erkenntnisse bitte in die Kommentare! Daher – und weil wir noch keine Möglichkeit sehen, die Kalender-Informationen mit einer Anmeldung per E-Mail zu verknüpfen [2] Dies könnte auf einer speziell angereicherten mobiltauglichen Webseite kombiniert werden. Interessanter wäre jedoch eine Kombination in einem QR-Code. - setzen wir in der Bibliothek der Fachhochschule Hannover bislang auch nur Links auf Webseiten mit weiterführenden Informationen ein.

Über den ZXING-Generator sind auch andere Inhalte kodierbar. Zum Beispiel die Geokoordinaten der Bibliothek der FH Hannover:

Auch Kontaktdaten und weitere Informationen sind denkbar. Dies sind mehr oder weniger alles Anwendung im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit. Die hinter QR stehende Idee der Verknüpfung von virtueller und „echter“ Welt bietet gerade in Bibliotheken jedoch weitaus spannendere Anwendungen. Zum Beispiel die schon erwähnte Anwendung des Smartphones als Ausweisersatz. Oder natürlich die Verknüpfung der physischen Bestände mit E-Books oder E-Journals. Ein kleiner Aufkleber mit dem QR-Code könnte im Präsenz-Exemplar eines Buches auf parallel verfügbare Online-Ausgaben hinweisen.

References

References
↑1 Neuere Erkenntnisse bitte in die Kommentare!
↑2 Dies könnte auf einer speziell angereicherten mobiltauglichen Webseite kombiniert werden. Interessanter wäre jedoch eine Kombination in einem QR-Code.

Augmented-Reality-App für bibliothekarische Bestandspflege

Anwendungen von QR-Codes in Bibliotheken werden zur Zeit mal wieder heftig diskutiert. Meist geht es dabei darum, Dienste oder Informationen für Bibliotheksnutzer bereitzustellen. Doch auch für Bibliotheksmitarbeiterinnen können QR-Codes sehr nützlich sein. Golem weist auf Shelvar hin. Dabei handelt es sich um eine Android-App, mit der verstellte Bücher im Bestand ausfindig gemacht werden können.

Einen längeren Artikel über Shelvar gibt’s im Chronicle of Higher Education.

Rostocks Bibliotheken tauschen Mitarbeiter

Die beiden sehr schönen Bibliotheken im ebenso schönen Rostock lassen ihre Mitarbeiter künftig die Arbeitsplätze tauschen:

„Damit man besser Bescheid weiß über den anderen und die aktuellsten Entwicklungen“, sagt Manfred Heckmann, Direktor der Stadtbibliothek Sein Kollege, Robert Zepf, der neue Direktor der Universitätsbibliothek, pflichtet ihm bei. „Wir wollen, dass beide Einrichtungen sich künftig noch besser ergänzen und dass sich dies im Bewusstsein der Menschen verankert“. Beide Chefs, für die der Kundenservice höchste Priorität hat, sind aufeinander zugegangen und waren sich schnell einig, dass man die ohnehin schon gute Zusammenarbeit weiter ausbauen kann. Nutznießer seien die Besucher, die so noch mehr Zugriff auf die Bestände haben. Einige Mitarbeiterinnen der Uni-Bibliothek kennen den Weg: Sie absolvierten ihre Ausbildung in der Stadtbibliothek.

[via IDW]

OCLC kauft BOND

OCLC kauft BOND. Ziel war es, die „Marktposition auszubauen“. Außerdem wird nun „zum Wohle der Bibliotheken“ an „zukunftsweisenden Lösungen“ gearbeitet:

Weitere positive Aspekte resultieren in dem Bereich Produktentwicklung. Gemeinsam kann verstärkt an zukunftsweisenden Lösungen für Bibliotheken im wissenschaftlichen und öffentlichen Bereich gearbeitet und der fachliche und funktionale Ausbau der existierenden und neuen Produkte zum Wohle der Bibliotheken vorangetrieben werden. „In dem sich enorm wandelnden Bibliotheksmarkt wird es zunehmend schwieriger, den hohen Ansprüchen der Kunden gerecht zu werden. Von der bedeutsamen Erhöhung der Ressourcen im Entwicklungs- und Dienstleistungsbereich werden unsere Kunden merklich profitieren“, ergänzte Michael König, Geschäftsführer und Inhaber von BOND, der auch innerhalb von OCLC Deutschland eine leitende Rolle übernehmen wird.

Laut Wikipedia, wo auf Erhard Kantzenbach verwiesen wird, führen „weite Oligopole“ im Idealfall zu einer erhöhten Wettbewerbsintensität. Ein weites Oligopol besteht sicherlich nicht nur aus 2-3 annähernd gleichstarken Teilnehmern. Wie weit sind wir noch von einem Duopol Ex Libris und OCLC entfernt? 2007 [1] Elke Greifeneder (2007): Effektivität und Effizienz von Online-Hilfesystemen in deutschen Universitäts-OPACs, S. 45 hieß es über Universitätsbibliotheken:

Bei der Auswertung konnte man eine deutliche Marktführerschaft der Firma OCLC PICA konstatieren. Deutlich mehr als die Hälfte, genauer gesagt 63 %, verwenden einen OPAC der Firma OCLC PICA.

Ich vermute, das es aktuell für ILS, ob ÖB oder WB, nicht wesentlich anders aussehen wird.